Gelesen: Erfolgreich Radio machen

Bettina Blaß

Von 

Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Das Buch
Das Buch

Radio? Habe ich zuletzt ungefähr 1996 gemacht. Tonband geschnitten, wohlgemerkt, nicht digital Audiospuren am Computer verändert. Darum, so denke ich, ist es ganz interessant, nach rund 20 Jahren ein Buch zu lesen, das „Erfolgreich Radio machen(affiliate Link: Kaufst du darüber bei Amazon ein, bekomme ich einen Cent-Betrag gutgeschrieben, ohne dass dir Mehrkosten entstehen) heißt. Wie geht das denn heute? Ich bin zugegebenermaßen nach den ersten Seiten etwas desillusioniert: Die Musik ist ausschlaggebend, nicht die klugen Wortbeiträge der Kollegen. Und überhaupt spielt die Morningshow eine ganz besondere Rolle, den Rest des Tages kann man mehr oder weniger vernachlässigen, heißt es da.

Verstehe ich das richtig?, frage ich mich. Und ich beschließe, mich mit der Autorin des Buches, Yvonne Malak, zu unterhalten: 95 Prozent der Hörer entscheiden sich für einen Musiksender, bestätigt sie mir. Ob öffentlich-rechtlich oder privat, das spiele kaum eine Rolle, solange die Musik gespielt werde, die man hören wolle. Einigen wenigen sei die Musik egal, ihnen gehe es darum, morgens eine bestimmte Unterhaltungssendung zu hören, bei denen sie die Moderatoren und Comedys mögen, aber nicht unbedingt die Musik, oder einfach weil sie morgens schnell informiert sein wollen Aha, denke ich, in diese Kategorie gehöre wohl ich. Denn mich weckt das Radio morgens mit den Nachrichten aus Köln. Die haben zwar keinen besonderen Tiefgang, aber ich weiß zumindest schon vor dem Aufstehen ansatzweise, was in der Stadt passiert ist – und wie das Wetter wird.

Fünf Prozent der Hörer interessierten sich für Kultur und Infosender, weiß Yvonne Malak außerdem, der Deutschlandfunk beispielsweise kommt nur auf einen Marktanteil von zwei Prozent. Ein zweites Mal denke ich: Aha. Ich gehöre schon wieder zur Minderheit. Denn ich liebe beispielsweise die Beiträge von DRadio Wissen. Allerdings höre ich sie als Podcast, dann bin ich zeitlich und räumlich flexibel.

Keine Textwüsten
Keine Textwüsten

Wenn aber so wenige Leute sich für Wortbeiträge interessieren, und die überhaupt im Wesentlichen morgens laufen, braucht man dann eigentlich noch Hörfunkjournalisten, Frau Malak? Oder könnte man die speziell nach der Morningshow einfach weglassen und nur noch Musik spielen?

Tagsüber gibt es auf vielen Sendern tatsächlich nur Infohäppchen und überwiegend Musik. Aber: Ja! Man braucht noch Hörfunkjournalisten. Denn jemand muss beispielsweise die Nachrichten machen oder auch die tagesaktuellen Themen unterhaltend ins Radio bringen. Beides ist übrigens gleich schwierig. Und dann wird es ja auch weiterhin öffentlich-rechtliche Informationsprogramme mit hohem journalistischem Anspruch geben.

Yvonne Malak, Radioprofi
Yvonne Malak, Radioprofi

Ich habe gelesen, dass ich mich mit den Moderatoren der Morgensendung identifizieren können soll. Obwohl ich seit Jahren jeden Morgen vom gleichen Sender geweckt werde und die Namen des Moderatorenpaares kenne: Ich weiß nicht, wer von beiden wofür steht. Ich weiß nicht, wer der Single ist, und wer der Verheiratete. Ich weiß nicht, wer abends gerne ausgeht und um die Häuser zieht und wer lieber zuhause bleibt. Ist das doof von meinem Sender, dass er mir nicht die Chance gibt, mich zu identifizieren?

Ja, eigentlich ist das doof. Denn es wird immer mehr gestreamt. Das heißt, die Musikauswahl wird in Zukunft immer unwichtiger werden, Musik bekomme ich überall. Auf der anderen Seite spielt Identifikation eine immer größere Rolle: TV-Serien beispielsweise sind darum so erfolgreich, weil sich die Zuschauer mit einem Protagonisten identifizieren. Wenn sich also der Hörer nicht mit einem der Moderatoren der Morgensendung identifizieren kann und dadurch eine Bindung aufbaut, dann gibt es mittelfristig keinen Grund mehr, einzuschalten. Wohlgemerkt mittelfristig.

Welche Rolle spielt denn Streaming überhaupt?

Kommt darauf an: Jenseits der 30, 35 spielt es kaum eine Rolle. Die Generation ist mit dem Radio aufgewachsen. Viele finden Streaming zu umständlich: Man muss sich erst einmal für einen Anbieter entscheiden und seine Vorlieben eingeben, um die Musik zu bekommen, die man hören will. Und dann kostet ein Premium Abo auch noch zusätzlich Geld. Anders ist das bei den Jüngeren, die mit Streaming aufwachsen. Sie sind fürs Radio oft verloren.

Ohje, denke ich, ich gehöre schon wieder in die Randgruppe. Ich liebe es, beim Kochen und bei der Buchhaltung Musik zu streamen. Aber welche Folgen hat das Streamen von Musik aus dem Internet eigentlich fürs Radio?

Naja, wenn man weniger Hörer erreicht, wird in vielen Bereichen gespart werden müssen. Viele sparen meist erst im Marketing, was zur Folge hat, dass noch weniger Leute aufs Radioprogramm aufmerksam werden. Dann spart man bei Live-Schalten und ähnlichem, dann denkt man über Automation nach. Andererseits ist der Markt meiner Meinung nach in einigen Bundesländern sowieso übersättigt. Alleine Bayern hat 68 lokale Sender, alleine in Nürnberg gibt es mindestens sechs Lokalsender plus den BR mit fünf Programmen plus Antenne Bayern. Ein Schrumpfungsprozess ist also unausweichlich. Spannend wird es übrigens auch, wenn in den Autos die UKW-Radios wegfallen.

Können Sie in die Zukunft sehen? Wie wird Radio in fünf Jahren sein?

Fünf Jahre sind fürs Radio eine sehr lange Zeit. Keiner weiß, was dann sein wird. Es hat noch niemand Erfahrungen wie sich das Nutzerverhalten durch die Digitalisierung und Streaming verändern wird. Früher konnten wir oft von den Erfahrungen profitieren, die in den USA oder Großbritannien mit dem Radio gemacht wurden. Das geht heute nicht mehr, weil wir alle gleichzeitig diese Erfahrungen sammeln. Sicher ist für mich nur, dass sich technisch einiges ändern wird.

Wenn trotz dieser eher düsteren Prognosen jemand unbedingt Radiojournalist werden möchte, was sollte er dann tun?

Praktikum machen, zunächst bei einem kleinen Sender, der nah am Heimat- oder Studienort ist. Und sich dann eine Liste der fünf Top-Radiosender machen, bei denen er arbeiten möchte. Und sich dort bewerben. mehr als eine Absage kann man nicht bekommen. Übrigens starten wir gerade ein Nachwuchsprojekt mit der Landesmedienanstalt in Sachsen – der SLM, der Radiozentrale und den Sendern in Sachsen, um junge Menschen auf die vielfältigen Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen, die Radio bietet. Die Werbespots dazu werden ab April on air zu hören sein!

Yvonne Malak begann ihre Karriere mit dem Start des Lokalfunks in Nürnberg 1986. Von dort aus folgten Stationen in Luxemburg und Berlin bei RTL – unter anderem als Sidekick bei „Arno und die Morgencrew“ und als Chefmoderatorin. 2000 wurde sie Programmdirektorin unter anderem beim Brandenburger Marktführer BB Radio. Seit 2006 berät sie mit ihrer Firma my radio Programmchefs und Geschäftsführer und gibt ihre Erfahrungen in Coachings und Seminaren weiter. Zu ihren Kunden zählen unter anderem Radio Hamburg, SAW in Magdeburg, ffn in Hannover, BB Radio in Potsdam sowie Sender in Österreich und der Schweiz. Sie hat einen Lehrauftrag für Radio-Marketing, gibt Seminare unter anderem für die BayMS oder die Privatsenderpraxis Wien, veröffentlicht Kolumnen bei radiowoche.de oder broadcast-future.de und ist Mitglied der Grimme-Jury für den Deutschen Radiopreis.

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