Journalismus-Theorie aus dem Internet

Von 

Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Vor einigen Wochen bekam ich eine Anfrage, ob ich mir das Angebot von lecturio.de, einer Plattform für Online-Kurse, einmal näher anschauen möchte, um darüber zu berichten. Das habe ich getan. Und dies ist mein Fazit.

Lecturio.de hat für mich den Online-Kurs Journalismus teilweise freigeschaltet. Ich habe also nichts für diesen Einblick bezahlt. Interessiert hat mich das Angebot schon: Schließlich bin ich Dozentin für Onlinejournalismus – da fragt man sich bei der Entwicklung der Technik, ob irgendwann zumindest die Anreise mit den damit verbundenen Kosten entfallen könnte. Außerdem habe ich neulich über MOOCs geschrieben, also über massive open online courses. Sowohl auf Fit für Journalismus als auch für meinen Kunden Wirtschaftszeitung AKTIV.

Screenshot lecturio.de
Screenshot lecturio.de

Da MOOCs bisher im Regelfall kostenlos sind, liegt hier ein großer Unterschied zu lecturio.de: 31 Lerneinheiten „Die große Schule des Journalismus“ kosten nämlich inklusive 30 Lernmaterialien derzeit reduziert 499 Euro. Ein stolzer Preis. Allerdings sind die Lerneinheiten ziemlich lang – mehr als 30, sogar über 40 Minuten sind keine Seltenheit. Insgesamt kommt man auf über 18 Stunden Unterricht. Ich frage trotzdem bei lecturio.de nach, wie man sich von den kostenlosen Kursen abgrenzen möchte. Antwort:

„Diese Kurse sind größtenteils speziell nach didaktischen Gesichtspunkten aufbereitet und nicht bloß reine Vorlesungsmitschnitte. Ein Alleinstellungsmerkmal sind die Lernkontrollfragen, welche während eines Vortrags immer mal wieder eingeblendet werden. Zudem kann der Lernende sich regelmäßig über E-Mails über seinen Lernfortschritt informieren und sich in seinem persönlichen Bereich Lernpläne und -notizen erstellen. Auch der direkte Austausch mit dem Dozenten und anderer Usern über ein Forum gehört zum Rundum-Angebot von Lecturio. Das alles bietet einen Grad an Interaktivität, welcher bei MOOCs nicht unbedingt gegeben ist. Zudem spricht die hohe Abbrecherquote (bei den MOOCs, Anm. bbl) dafür, dass viele Nutzer von der Präsentation der Inhalte dort abgeschreckt und demotiviert werden, die Kurse erfolgreich zu meistern. Darüber hinaus stellt Lecturio als einziger Anbieter den Lernenden einen Double Frame Player zur Verfügung. Dieser ermöglicht in der Webversion die parallele Ansicht von Dozent und dessen Folien in zwei Fenstern, deren Größe individuell angepasst werden kann.“

Ich fürchte, dass damit die Abgrenzung nicht gelingen wird, denn den Foren-Austausch bieten auch bereits viele MOOC-Plattformen, einige stellen außerdem am Ende jeder Lerneinheit Quizfragen, und ich habe bereits viele Online-Kurse gesehen, die eben keine reinen Vorlesungsmitschnitte sind. Hier wird sich lecturio.de sicher mehr einfallen lassen müssen.

Erfahrene Trainer

Markus Reiter und Tim Schleider sind die beiden Trainer für lecturio.de im Fach Journalismus. Beide sind Journalisten mit viel Erfahrung. Dementsprechend sind die Inhalte gut. Trotzdem haben sich bei meinem Test gleich zwei Fehler eingeschlichen:

  1. Das Video im Modul „Nachricht und Bericht“ enthielt den Inhalt zum Modul „Reportage“. Ein Fehler, der passieren kann, den man aber mit einem letzten Test leicht hätte vermeiden können. Trotzdem: zwei Bewerter geben der Großen Schule des Journalismus insgesamt 4,5 Sterne.
  2. Unter den Zusammenfassungen der Module gibt es einen Link „Weiterlesen“, der mich aber immer wieder nur an den Anfang der Seite zurückführt. Hier erschließt sich mir der Sinn nicht. Und noch ein Punkt ist nicht selbsterklärend: in der Kurzbeschreibung der Inhalte ist die Rede auch von Hörfunk und Fernsehen. Zu diesen Medien gibt es aber zumindest bisher keine eigenen Unterrichtseinheiten.

Fazit: Für mich ist das Lernen über Online-Kurse nichts. Das habe ich bemerkt bei einigen MOOCs, für die ich mich zu Anfang begeisterte, und das wird mir hier bestätigt. Bei dieser Art des Frontalunterrichts fehlt mir der direkte Kontakt zu anderen Teilnehmern und den Dozenten. Ich langweile mich schnell dabei und beginne dann, nebenher andere Dinge zu machen, die Konzentration schwindet.

Hinzu kommt, dass ich mir schwer vorstellen kann, Journalismus nur in der Theorie zu lehren beziehungsweise zu lernen. Schreiben kann man nur lernen, indem man schreibt. Selbst wer die Theorie beherrscht, und das regelmäßig bei Übungen unter Beweis stellt, ist darum noch lange kein guter Schreiber. Darum zweifle ich daran, dass junge Menschen, die in den Journalismus wollen, über diese Art der Wissensvermittlung Erfolg haben können. Für sie ist sicherlich ein Volontariat oder der Weg über eine Journalistenschule sinnvoller.

Für wen sich die Kurse eignen

Überflüssig sind die Kurse trotzdem nicht. Ich denke da beispielsweise an

  • Mitarbeiter in Pressestellen oder PR-Agenturen, die einen Einblick in journalistisches Arbeiten bekommen wollen.
  • Quereinsteiger, die keine journalistische Ausbildung, aber Begabung haben, und die mehr als einfache Berichte schreiben möchten.
  • professionelle Blogger ohne journalistischen Hintergrund, die Texte bisher in maximal einer Darstellungsform veröffentlichen und ihr Blog künftig lebendiger gestalten wollen.

Vorteilhaft ist natürlich auch, dass neben den Kurskosten keine weitere Gebühr anfällt – keine Reisekosten, keine Übernachtungskosten. Und natürlich kann der Seminarteilnehmer dann lernen, wenn es ihm am besten passt: auch abends, nachts oder am Wochenende. Er muss also keinen Urlaub für die Weiterbildung nehmen.

Übrigens – und das finde ich ganz gut – muss man nicht die gesamte Große Schule des Journalismus absolvieren. Es gibt auch ein Paket „Online-Journalismus“ für 11,90 Euro im Monat und die „Journalistischen Darstellungsformen Print und Online“ kosten 13,90 Euro im Monat. Eine Weiterbildung zum zertifizierten Online Redakteur gibt es ebenfalls. Preis: 154,09 im Monat. Dieser Kurs wird von mehreren Dozenten geleitet.

Achtung: Das Kurs-Abo muss laut Allgemeinen Geschäftsbedingungen jeweils gekündigt werden. Die Kurse können aber als Weiterbildungsmaßnahmen steuerlich geltend gemacht werden, wenn sie einen Bezug zur Arbeitswelt des Seminarteilnehmers haben.

Du hast einen Fehler im Text gefunden? Dann sag uns doch bitte Bescheid. Einfach das Wort mit dem Fehler markieren und Strg+Enter drücken. Schon bekommen wir einen Hinweis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.