Leserfrage: Ist Journalismus brotlose Kunst?

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Freier Journalist mit Schwerpunkt Technik, Sachbuchautor und Dozent. Nerd, Geek und vieles mehr. Homepage: www.timo-stoppacher.de Weitere Profile von mir: @CGNTimo, Facebook und Google+. E-Mail timo@stoppacher.de

Wieder erhielt ich eine Frage einer jungen Frau, die ihren Eltern klar machen muss, dass ihr Berufswunsch auf Journalismus gefallen ist. Nun drehen sich ihre Fragen um die passende Studienwahl und weitere Voraussetzungen.

Weil die Frage und die Antwort sehr lange waren, habe ich mir großzügige Kürzungen erlaubt.

(…) Ich heiße Ineke R. (Name bekannt), bin 19 Jahre alt und habe letztes Jahr mein Abitur gemacht. Bis zu Beginn diesen Jahres habe ich einen BFD geleistet, den ich auf Grund gesundheitlicher Probleme unterbrechen musste. Im Rahmen dieser Genesung habe ich erneut angefangen mich mit Wünschen für meine berufliche Zukunft auseinanderzusetzen. Neben meinem Wunsch Pharmazie zu studieren, kam meine ‚Jugendliebe‘, der Journalismus, wieder auf. Die habe ich damals aufgegeben, weil ich meine schulische Leistung im Fach Deutsch, für nicht ausreichend empfunden habe. Doch Journalismus, speziell der Modejournalismus, hat es mir sehr angetan. Auch Reiseberichte und Sportjournalismus sind für mich sehr interessant. Nun also zu meinen Fragen, die ich Ihnen gern stellen würde. Sie haben einen großen Erfahrungsschatz, von dem ich mir einige Ratschläge erhoffe. Meine erste Frage ist: Halten Sie ein Journalismusstudium für eine sinnvolle Basis? Speziell bei Modejournalismus hatte ich die AMD im Hinterkopf. Aber ich wäre für Ratschläge Ihrer Seite bezüglicher einer Universitäts-/Studienwahl sehr dankbar. Meinen Sie, dass eine Spezialisierung auf diesen Bereich sinnvoll ist? Wie wäre es möglich vor dem praktische Erfahrung zu sammeln? Können Sie mir dazu ein paar Tipps geben?

Meine Eltern halten Journalismus für eine recht brotlose Kunst. Mir ist bewusst, dass es viele Menschen gibt, die sich wünschen, mit ihren Geschichten Geld verdienen zu können. Doch nur wenige können es. Was halten Sie für wichtige Voraussetzungen (neben den 3, die Sie bereits im Beitrag erwähnten)? Wäre ein Auslandsstudium sinnvoll? (…)

Kann man vom Journalismus leben? Hier die Antwort

(..)

Die Studienwahl ist eine bedeutende Entscheidung, die in der Tat gut überlegt sein will. Ich bitte Sie gleich vorweg, verlassen Sie sich nicht allein auf mich.

Im Journalismus ist das absolvierte Studium selbst gar nicht so entscheidend. Es genügt meistens, dass überhaupt ein Studium absolviert wurde. Ich würde Ihnen bei einem Journalismusstudium immer empfehlen, eine thematische Spezialisierung zu suchen. Die kann zum einen eben durch einen Studiengang wie Modejournalismus erreicht werden, zum anderen durch ein komplettes Fachstudium mit paralleler oder anschließender journalistischer Ausbildung. Dann haben Sie immer noch ein zweites Standbein, falls es im Journalismus eines Tages nicht weiter geht.

Viele Journalisten haben früher auf Lehramt studiert und sind dann in der Branche gelandet. Weil vor ein paar Jahren viele Lehrer gebraucht wurden, konnten sie teilweise zu sehr guten Bedingungen (wesentlich besser als im Journalismus) wieder in ihrem erlernten Beruf arbeiten.

Sie könnten zum Beispiel Pharmazie studieren, weil Sie das Fach interessiert und dann über Gesundheitsthemen mit einem soliden fachlichen Hintergrund schreiben. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ein Thema, das uns ewig begleiten wird.

Ihre Eltern haben Recht und Unrecht, wenn sie Journalismus für eine brotlose Kunst halten. Ich kenne viele Journalisten, die sich eher als Künstler, denn als Unternehmer verstehen und quasi dankbar sind, dass überhaupt jemand für ihre Arbeit zahlt. Diese Künstler-Journalisten sind sich oft ihres eigenen Wertes nicht bewusst, verhandeln keine auskömmlichen Honorare und entsprechend gering ist das Einkommen.

Gleichzeitig gibt es viele Journalisten, die für sich ein zufriedenstellendes Einkommen haben, weil sie den Wert ihrer Arbeit kennen und sich gut vermarkten können. Natürlich gibt es auch dazwischen einiges.

Wenn Sie mal reich werden wollen, ist Journalismus sicherlich nicht die richtige Wahl, aber verhungern muss man in diesem Beruf auch nicht.

Sie müssen sich also selbst fragen, ob Sie in Ihrem späteren Leben vielleicht selbstständig arbeiten wollen, wie es viele Journalisten tun. Und vielleicht sollten Sie vor dem Studium ein paar Praxiserfahrungen sammeln und bereits beginnen ein Netzwerk aufzubauen. Besuchen Sie doch mal gezielt Veranstaltungen für Journalisten.

(…)

Habt Ihr auch eine Frage zum Journalismus? E-Mail genügt kontakt@fitfuerjournalismus.de

In eigener Sache

Wir bei Fit für Journalismus freuen uns immer über Eure Fragen. Manchmal ist es aber gar nicht so einfach, sie zu beantworten. Vor allem, wenn wir erst einmal in unserem Netzwerk nach einem Kollegen suchen müssen, der vielleicht eine bessere Antwort kennt. Wir machen Fit für Journalismus nicht, um damit reich zu werden. Aber wir haben natürlich schon Kosten: für den Server, für ein neues Bezahl-Layout, manchmal für Bilder aus Datenbanken. Hinzu kommt natürlich unsere Zeit: Sie knapsen wir uns entweder von der Freizeit ab. Oder wir recherchieren und schreiben eine Antwort während der Arbeitszeit – können dabei aber natürlich nicht für unsere zahlenden Kunden arbeiten. Falls Euch unsere Antworten weiterhelfen, freuen wir uns darüber, wenn Ihr unsere Arbeit unterstützt. Spendet über Paypal einfach den Betrag, den Euch unsere Antwort wert ist. Dann haben wir beide etwas davon.

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3 Kommentare zu “Leserfrage: Ist Journalismus brotlose Kunst?

  1. Da wäre ich skeptischer. Ich kenne kaum noch Journalist/inn/en (auch sehr gute), die allein von diesem Beruf leben können. Die Preise/Honorare fallen weiter, so lange es immer noch Leute gibt, die für (fast) lau arbeiten. Ein Beispiel: Ein Reiseveranstalter wollte für eine Reportage inklusive Fotos 50 Euro bezahlen. Die Redakteurin war beleidigt, weil ich mich geweigert habe, ihr Text und Fotos zu diesem Preis zu überlassen. Oft höre ich (vor allem von Online-Redaktionen): Ihre Geschichte nehmen wir gerne, aber bezahlen können wir nichts dafür. Es gibt da draußen immer noch mehr als genügend Leute, die sogar dafür bezahlen würden, dass ihre Texte und Bilder veröffentlicht werden. Kein Wunder, dass zum Beispiel Spiegel Online für eine grössere Reportage gerade einmal 120 Euro bezahlt. Bei den anderen ist es nicht besser.

  2. Es ist immer das gleiche: Die jungen Damen wollen Mode- oder Reisejournalistinnen werden oder am besten „Kolumnistinnen“, weil sie glauben, das Journalistenleben wäre identisch mit dem, was Filme und Serien, insbesondere „Sex & the City“, ihnen suggerieren. Als ich die Mail las, hatte ich ein erstklassiges Déja-Vu, als hätte ich das schon x-mal gelesen. Reich an Idealen, arm an Erfahrung – so haben wir ja alle angefangen. Aber in der derzeitigen Krise und aus eigener Erfahrung würde ich keinem ernsthaft empfehlen, das Berufsziel „Journalismus“ über ein viel zu spezielles Journalismus-Studium zu verfolgen. Du hast Recht daran getan, ihr im Grunde dazu zu raten „was Ordentliches“ zu studieren. Das wäre auch der Weg, den ich heute Abiturienten empfehlen würde, zur Sicherheit und am besten etwas ganz Solides.

  3. Erst mache ich meinen Abschluss, dann lege ich los … so ähnlich habe ich früher auch eine Weile gedacht und dabei einige Erfahrungen verpasst. (Ist übrigens recht typisch für Frauen und Bildungsaufsteiger, dass man glaubt, immer etwas in der Hand haben zu müssen, das nachweist, was man kann.)

    Ob man nun Pharmazie oder Modejournalismus studiert oder etwas anderes: Über Mode schreiben kann man schon jetzt, z.B. in einem Blog. Damit verdient man erst mal wenig bis gar nichts, hat aber mehr Freiheit als in einer Redaktion. Nebenbei sind gerade der Mode- und Medizinjournalismus dafür bekannt, dass nicht immer Wert auf die Trennung von Journalismus und Werbung oder PR gelegt wird. Im Blog ist man selbst dafür verantwortlich, dass man kennzeichnet, wer wofür bezahlt hat. Nebenbei sammelt man auch die Online-Erfahrung, die man im Journalismus sowieso braucht.

    Ich schreibe übrigens Patientenratgeber rund um meine eigene Krankheit, obwohl ich weder Medizin noch Pharmazie noch Journalismus studiert habe. Dass ich ein halbwegs naturwissenschaftliches Fach gewählt habe, hilft mir aber beim Lesen mancher Studien. Und der Leistungskurs Englisch war auch nicht vergebens, da vieles auf Englisch erscheint.

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