Gastbeitrag: Mehr Erfolg bei der Jobsuche OHNE Bewerbungen

Bewerbungen und Lebensläufe schreiben ist einer der häufigsten Fehler, die bei der Suche nach einem Arbeitsplatz gemacht werden. Denn die oft mühe- und erst recht hoffnungsvoll zusammengestellten Unterlagen zielen auf den so genannten „Offenen Arbeitsmarkt“, also alle Stellen, die für jeden frei zugänglich ausgeschrieben werden. Schade eigentlich, dass man dort laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit nur 33 Prozent aller Jobs findet. Mit den Techniken des Life/Work Planning Verfahrens (L/WP) erschließen sich Jobsucher das große Potential des verdeckten Arbeitsmarktes.

Die klassische Bewerbung kennt jeder schon seit der Schulzeit. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass sie als erster Schritt bei der Jobsuche fast immer das Mittel der Wahl ist. Das Anschreiben und Lebenslauf mich in eine große Konkurrenzsituation führen, wird als ganz normal empfunden. Und auf die Idee, dass die Personalabteilung eigentlich der falsche Empfänger für meine Unterlagen ist, kommen die Wenigsten. Denn die Entscheidung, dass ich eingestellt werde, trifft in den allermeisten Fällen mein späterer Vorgesetzter.

Die Personalabteilung ist der falsche Empfänger

Wege in den verdeckten Arbeitsmarkt suchen und finden.
Wege in den verdeckten Arbeitsmarkt suchen und finden. Bild: Heiko Link

Auch auf Unternehmensseite gibt es einen klassischen ersten Schritt, wenn beispielsweise dringend ein guter Mitarbeiter in der Redaktion gebraucht wird. Der Chef setzt sich hin und überlegt: Wen kenne ich, der eventuell infrage kommt? Fällt ihm selbst niemand ein, dann fragt er seine Mitarbeiter und andere persönliche Kontakte. Das können Leute sein, die er von seiner journalistischen Arbeit kennt, Kollegen von der anderen Zeitung am Ort, ein Kumpel in der Druckerei, ein Dozent den er noch aus Unizeiten oder von der Journalistenschule kennt, vielleicht hat er Kontakte bei den Gewerkschaften oder er ist zum Beispiel Chefredakteur einer Fachzeitschrift zum Thema „Kochen & Essen“ und wendet sich an den Kochclub, in dem ein guter Bekannter von ihm Mitglied ist. Wenn sich trotz dieser Bemühungen in seinem inneren Kreis niemand findet (und anscheinend auch keiner so richtig scharf auf den Job ist), dann geht die Stelle nach draußen und wird ausgeschrieben.

Wenn Jobsucher es schaffen, im inneren Kreis mit Namen und Gesicht persönlich bekannt zu werden, erhöhen sie ihre Chancen enorm. Das aktive Aufbauen eines solchen Netzwerkes kann sogar Spaß machen, wenn sie sich mit einem persönlichen, echten Interesse im Gepäck auf den Weg machen. Das gemeinsame Interesse öffnet (Unternehmens-)Türen, um mit gleichgesinnten Mitarbeitern in der Redaktion oder Pressestelle ins Gespräch zu kommen.

Meine Interessen öffnen Firmentüren

Ein Beispiel: Ich finde das Thema Luftfahrt toll und würde in diesem Bereich gerne beruflich einsteigen. Im ersten Schritt konkretisiere ich diesen vom Modellflugzeug bis zur Raumfähre reichenden Bereich auf das, was ich am spannendsten finde. Wenn ich mich entschieden habe, es zunächst mal mit Gleitschirmen zu versuchen, brauche ich noch die Fähigkeiten, die ich beruflich gerne einsetzen würde. Bei Journalisten könnte das schreiben, fotografieren, Interviews führen oder moderieren sein.

Das L/WP-Verfahren schlägt vor, mit dieser Basis loszugehen und kurze Informationsgespräche zu führen. Ich rede mit Menschen, die einen Job ausüben, von dem ich vermute, dass er für mich in Frage kommen könnte. Dabei ist es empfehlenswert, den Erstkontakt bewusst kurz zu halten. Wenn ich mit einem gemeinsamen Interesse eine Verbindung herstelle und dann um sieben Minuten bitte, habe ich sehr gute Chancen, dass mein Gegenüber sich spontan Zeit für mich nimmt. Es geht darum unverbindlich reinzuschnuppern, mich zu informieren und als jemand mit gleichem Interesse im Gedächtnis zu bleiben. Mein Werdegang bleibt dabei außen vor.

Um einen guten Überblick und ein möglichst großes Netzwerk zu bekommen, führe ich mehrere Gespräche, bei denen auch Journalisten nicht mitschreiben. Lieber hinterher ein paar Notizen machen. Damit ich nicht jedes mal „kalt“ einen neuen Ansprechpartner suchen muss, frage ich am Ende immer nach weiteren Kontakten. Das ich mehrere Gespräche führen werde kündige ich gleich zu Beginn an, damit am Schluss nicht der Eindruck entsteht, dass mir dieses Gespräch nichts gebracht hat. Die Frage nach neuen Ansprechpartnern kann ich auch super nutzen, um den weiteren Verlauf zu steuern: Ich habe bisher im Bereich Luftfahrt nur mit Leuten gesprochen, die moderieren. Ich würde aber gerne schreiben. Wen kennen Sie, der das macht? Oder: Ich habe bisher nur mit Männern in dem Job gesprochen. Ich bin aber eine Frau und frage mich, ob wir Frauen uns in diesem Beruf auch wohlfühlen. Wen kennen Sie?

Die Jobs kriegen die Leute, die mit Namen und Gesicht bekannt sind

Diese Art der Suche erinnert ein bisschen an das Spiel „Topfschlagen“. Während der Gespräche bekomme ich viele Eindrücke und merke, in welcher Richtung es kälter und in welcher es heiß wird. Bei der Frage nach Kontakten versuche ich immer dahin zu kommen, wo sich ein Gespräch wahrscheinlich gut anfühlen wird. Die Informationen die ich unterwegs sammle, kann ich bei einem Einstellungsgespräch anstelle der Standardfloskeln aus klassischen Bewerbungstrainings nutzen. Ich berichte aus dem echten Leben und habe wahrscheinlich sogar Aussagen der eigenen Mitarbeiter meines zukünftigen Chefs, die ich als Argumente anführen kann.

Diese Vorgehensweise des Life/Work Planning Verfahrens bietet den Vorteil, dass ich wenig konkrete berufliche Vorstellungen nach jedem Gespräch ein bisschen schärfer stellen kann. Ich muss nicht gleich zu Beginn meiner Suche die perfekte Lösung selbstsicher präsentieren. Mein Weg entsteht beim Gehen, weil mich meine Gesprächspartner unterwegs auf Ideen bringen, die mir beim Grübeln alleine zu Hause nicht eingefallen wären. Beim Schreiben von Bewerbungen und Lebensläufen übrigens auch nicht.

Heiko_Link_02Der Autor dieses Artikels, Heiko Link, arbeitet als Trainer und Coach für das Life/Work Planning Verfahren. Bevor er die L/WP-Trainerausbildung an der Freien Uni Berlin machte, setzte er die L/WP-Techniken selbst um, und wurde zum Luftfahrtjournalisten mit Wohnsitz in Hiddenhausen. Ein Beruf, dem er neben seiner Trainertätigkeit bis heute treu geblieben ist. www.Endlich-Montag.net

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6 Kommentare zu “Gastbeitrag: Mehr Erfolg bei der Jobsuche OHNE Bewerbungen

  1. Hi, ich habe vor Jahren hier an der Uni mal ein Tagesseminar beim Erfinder der Methode gemacht. Bei mir hat das so leider gar nicht funktioniert, aber die Idee ist auf jeden Fall interessant. Dir weiterhin alles Gute und bis bald mal wieder beim Bielefelder Journalistenstammtisch? viele Grüße von Robert

  2. Hallo Robert,

    erfunden hat diesen Teil der Methode der Franzose Daniel Porot, der damals in der Marketingabteilung gearbeitet und Marktforschung auf die Jobsuche übertragen hat.

    Wenn man ein paar Punkte beachtet, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert, bei 82% Prozent. Sogar in Ostwestfalen! ;-) Diese Zahl kommt aus Intensivseminaren, wo die Teilnehmer an einem Tag in Zweiergruppen los gehen und diese Technik ausprobieren. Danach wird abgefragt, wie viele Gespräche sie bekommen haben.

    Falls Du es noch mal probieren möchtest, können wir uns beim Journalisten-Stammtisch gerne mal darüber austauschen, wie es klappen könnte.

    Viele Grüße,
    Heiko

  3. Die Methode klingt interessant. Sie ist sicher gut geeignet, Menschen mit einer klassischen Ausbildung Tür und Tor zu öffnen, wenn sie sich beruflich neu orientieren möchten. Nicht jeder, der gerne schreibt, ist auch beruflich damit erfolgreich. Trotzdem sind Bewerber in der Lage, sich einer neuen beruflichen Herausforderung zu stellen, wenn ihnen fernab von Anschreiben und Lebenslauf die Gelegenheit geboten wird, ihren Fähigkeiten entsprechend zu handeln. Arbeitnehmer sollten öfter und stärker ermutigt werden, sich auch auf fachfremde Stellen zu bewerben, wenn sie sich persönlich für geeignet halten.

  4. Die hier vorgestellte Methode halte ich für sehr interessant, da sie einen neuen Ansatz bietet. Klassische Bewerbungen sind ja sehr bekannt und weit verbreitet, manchmal auch langweilig und darum auch oft erfolglos. Darum finde ich diese Methode sehr interessant und kann den Bewerbern neue Möglichkeiten eröffnen und ihre Chancen auf einen Job erhöhen. Unternehmen sehen es gerne, wenn sich Bewerber ausführlich mit ihrem Unternehmen und dem Fachgebiet auseinandergesetzt haben, Interesse zeigen und dieses dann auch persönlich vermitteln können. Insgesamt eine interessante und auch erfolgversprechende Methode, durch welche die Jobchance der Bewerber signifikant erhöht werden kann und eine Methode, die sich von der klassischen Bewerbung abhebt.

    Beste Grüße
    http://www.jandi.ch

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