Verbraucherjournalismus: ein neues Buch und ein kurzes Gespräch mit der Autorin

Bettina Blaß

Von 

Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Neues Buch: Verbraucherjournalismus
Neues Buch: Verbraucherjournalismus

Im UVK-Verlag ist ein neues Buch zum Verbraucherjournalismus erschienen. Der Verlag hat uns gefragt, ob wir es rezensieren wollen. Klar wollen wir – wenn es einen Mehrwert für unsere Leser bietet, dann immer. Ich hab’s gelesen und für gut befunden. Mehr Infos sowie die Antworten der Autorin Barbara Brandstetter auf drei Fragen gibt’s im Text.

Ich bin positiv überrascht: Neben der Definition von Verbraucherjournalismus, den möglichen Textsorten, einem Kapitel zur Sprache und zu rechtlichen Informationen gibt es im Buch auch einige Inhalte, die man nicht zwangsläufig erwartet. Ich finde es beispielsweise sehr gut, dass Barbara Brandstetter im Kapitel „Verbraucherjournalismus in verschiedenen Medien“ auch die Kundenzeitschriften erwähnt. Tatsächlich schreibe ich nämlich viele verbraucherjournalistische Artikel für Kundenzeitschriften. Speziell unter älteren Kollegen ist das jedoch ein absolutes No Go. „Kundenzeitschriften sind PR“, heißt es da, und dementsprechend könnten meine Artikel nicht Verbraucherjournalismus sein. Mein Gegenargument ist dann: „Wenn ein Artikel über die finanzielle Vorsorge für Kinder zuerst in einer Tageszeitung erscheint, und ich ihn dann in einem Kundenmagazin 1:1 zweitverwerte, wie kann er dann in der Tageszeitung Verbraucherjournalismus, im Kundenmagazin aber kein Verbraucherjournalismus sein?“. Das Medium, in dem ein Artikel veröffentlicht wird, macht ihn nicht mal mehr, mal weniger verbraucherjournalistisch. Der Inhalt ist ausschlaggebend, ist meine Meinung. Darum gefällt mir dieser Part im Buch.

Gut finde ich auch das Kapitel „Themen finden“. Aus meiner Arbeit als Dozentin für Onlinejournalismus weiß ich, dass sich gerade junge Journalisten oft schwer damit tun, ein Thema als solches zu erkennen und die entsprechende Fragestellung für ihre Zielgruppe zu finden. Mir passiert es auch oft, dass gestandene Journalisten gerne bloggen wollen – dann aber sagen „Ich weiß nicht, worüber ich schreiben soll!“. Ein Satz, der eigentlich nicht aus dem Mund eines Journalisten kommen darf. Barbara Brandstetter gibt in ihrem Buch eine klare Definition, was den Nachrichtenwert ausmacht – und wie aus der Idee ein Inhalt wird. Das ist nicht nur für angehende Verbraucherjournalisten interessant. Am Wochenende habe ich übrigens bei der Konrad-Adenauer-Stiftung für angehende Journalisten einen Workshop zur Themenfindung gegeben. Wir haben dort auch einige Kreativitätstechniken für die Themenfindung ausprobiert. Das Feedback hat mir gezeigt, wie wichtig dieser Aspekt in der Journalistenausbildung ist. Barbara Brandstetter hat das also sehr gut erkannt, als sie einige Seiten dazu geschrieben hat.

Noch ein Pluspunkt: Die Autorin nimmt das Internet ernst. Im Kapitel „Formate“ geht sie auf die crossmediale Aufbereitung von Inhalten ein und erwähnt beispielsweise ein Thinglink oder Google Maps. Ganz wunderbar! Ein Zeichen dafür, dass ich meinen Studenten nicht unnötiges Wissen vermittle, sondern genau das, was von ihnen erwartet wird. Im Kapitel „Recherche“ geht sie außerdem auf die sozialen Medien als Quellen ein. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Kollegen, die Twitter, Facebook und Google+ als Instrumente für den journalistischen Alltag noch immer kritisch gegenüber stehen, genau diese Seiten lesen. Social Media war übrigens auch Thema im Panel „So geht Verbraucherjournalismus“ auf dem #jnrw14 im November. Meine Gesprächspartner sagten einstimmig, dass sie die sozialen Medien zur Kommunikation mit den Rezipienten einsetzen, aber auch, um so auf Themen aufmerksam zu werden. Wer sich zum Thema fit machen will: Am 17. Januar gibt es einen Workshop beim Bonner Journalistenverband.

Ein bisschen Kritik

Nur lobend über das Buch zu schreiben, wäre nicht im Sinne des Journalismus. Darum gibt es ein bisschen Kritik: Zum Buch gibt es – wie heute oft üblich – eine eigene Internetseite, auf der Barbara Brandstetter bald bloggen möchte. Außerdem findet der Leser hier weiterführende Informationen zu den einzelnen Kapiteln. Mich macht zunächst neugierig, welche „relevanten Verbraucher-Blogs“ sie nennt. Und ich bin überrascht, dort geldsparen.de und finanztip.de zu finden. Nicht, weil ich deren Inhalte nicht schätze – sondern weil ich sie nicht als Blogs bezeichnen würde. In meinen Augen sind das originäre Onlinemedien, ausgewachsene Portale, die kein klassisches Muttermedium haben. Beide Portale werden von großen Redaktionen befüllt. „Blog“ klingt zumindest in meinen Ohren da ein wenig abwertend.

Auch mit dem Unterkapitel „Crossmediale Darstellungsformen“ im Kapitel „Textsorten“ bin ich nicht ganz glücklich. Erstens weiß ich nicht, warum das Kapitel unter „Text“ läuft, wenn es auch unter „Formate“ ein Kapitel „Crossmediale Aufbereitung“ gibt, zweitens kommt es ein bisschen kurz, finde ich. Denn dort ist nur die Rede von Audioslideshows und Videos. Podcasts werden kurz erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt. Unter einer anderen Überschrift könnte man aus dem Vollen schöpfen: Würde man das Kapitel beispielsweise „Onlinespezifische Darstellungformen“ nennen, könnte man neben ThingLinks auch auf so schöne Dinge eingehen wie interaktive Zeitleisten oder 360-Grad-Ansichten. Natürlich immer mit der Warnung versehen, dass die Inhalte weg sind, wenn eines Tages der Dienst schließt – was nicht so ungewöhnlich ist.

Ich finde auch, dass man in diesem Kapitel mehr auf Tools eingehen sollte, also auf Rechner, die Redaktionen mit Kooperationspartnern anbieten. Was in Print der Kasten mit dem Beispielsfall ist, der nicht zu jedem Leser passt, hat online nämlich einen echten Mehrwert. Ein Rechner online bietet schließlich nach Eingabe der eigenen Daten ein individuelles Ergebnis. Meiner Meinung nach ein unschätzbarer Vorteil – verbunden natürlich mit der Problematik, dass die Redaktion den Kooperationspartner auf Herz und Nieren prüfen muss, um ein wirklich unabhängiges Ergebnis präsentieren zu können.

Barbara Brandstetter
Barbara Brandstetter

Drei Fragen an Barbara Brandstetter

Warum sind Sie in den Verbraucherjournalismus gegangen?
In den Verbraucherjournalismus bin ich durch Zufall geraten. Bei einem Praktikum in der Wirtschaftsredaktion der Rheinpfalz 1995 hat mich einer der Redakteure mit einem großen Vergleich der Preise für Girokonten beauftragt. Also habe ich Anfragen an die Kreditinstitute gefaxt, Briefe geschrieben und auf Antworten gewartet. Die Tabelle zeigte deutlich, dass die Preisunterschiede zwischen den Pfälzer Banken immens waren. Der Vergleich war ein voller Erfolg.
Ich mag es, mich in komplexe Themengebiete einzuarbeiten und diese dann leicht verständlich aufzuschreiben. Je komplexer das Thema, desto besser. Diese Herausforderung hat mich im Journalismus immer schon mehr gereizt, als Reportagen über Sozialarbeiter oder Porträts von Managern zu verfassen. Meine Verbraucherthemen kamen in den Konferenzen verschiedener Redaktionen gut an. Zudem hatte ich in dem Bereich größtmögliche Freiheit, weil ich mit meinen Verbraucherfinanzthemen niemandem auf die Füße getreten bin. Die Redakteure waren oft froh, dass sich überhaupt jemand der Themen annimmt. Und viele Leser haben am Telefon nicht nur über Rechtschreibfehler in der Zeitung geschimpft, sondern sich tatsächlich für Beiträge bedankt – wann hat man das schon?

Was raten Sie Berufseinsteigern, die sich für Verbraucherjournalismus interessieren? Wie bekommen die einen Fuß in die Tür?

Berufseinsteiger sollten sich als freie Mitarbeiter profilieren und sich vor allem spezialisieren. Lieber freie Mitarbeit als das fünfte oder sechste Praktikum. Viele Praktikanten hinterlassen in Redaktionen keinen bleibenden Eindruck. Bei qualifizierten Freien sieht das anders aus. Als Experte für verschiedene Bereiche – beispielsweise Baufinanzierung, Altersvorsorgemodelle oder Versicherungen – sind freie Autoren gefragt. Die Redaktionen werden weiter ausgedünnt. Fest angestellte Redakteure verbringen heute viel Zeit mit dem Bestücken verschiedener Medienkanäle. Zeit für die Recherche ist knapp. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Komplexe Verbraucherthemen, die eine längere Einarbeitungszeit erfordern und für die die Fachexpertise in Redaktionen fehlt, werden daher gerne an Freie ausgelagert. Insbesondere im Verbraucherfinanzbereich sind kompetente und unabhängige Autoren rar.

Wie wird sich Verbraucherjournalismus in den kommenden Jahren entwickeln?

Die Redaktionen stecken in einem Dilemma: Verbraucherthemen werden von den Mediennutzern gewünscht und auch intensiv gelesen. Kompetent betriebener Verbraucherjournalismus ist jedoch zeitaufwändig. Er erfordert akribische Recherche und Fachexpertise. Wenn die Redaktionen weiter ausgedünnt und Etats für Freie weiter gekürzt werden, sehe ich für seriösen unabhängigen Verbraucherjournalismus schwarz. Große Profiteure sind schon heute vor allem Unternehmen, Verbände und Presseagenturen, die in die offene Flanke stoßen. Sie versorgen Redaktionen mit Texten, Infografiken, Fotos und Videos. Ihr Material wird von Redaktionen zunehmend genutzt. Einige freie Autoren machen nebenbei PR, um finanziell über die Runden zu kommen. Diese Entwicklungen schaden der Glaubwürdigkeit der Medien. Davon profitieren Medien wie Stiftung Warentest, Finanztest oder die öffentlich-rechtlichen, die sich hochwertigen Nutzwertjournalismus noch leisten können.

Das Buch kann unter anderem bei Amazon bestellt werden.

Du hast einen Fehler im Text gefunden? Dann sag uns doch bitte Bescheid. Einfach das Wort mit dem Fehler markieren und Strg+Enter drücken. Schon bekommen wir einen Hinweis.

Ein Kommentar zu “Verbraucherjournalismus: ein neues Buch und ein kurzes Gespräch mit der Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.