Als ich einmal meine Kunden los werden wollte

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Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Ich bin seit zwölf Jahren selbstständig. Nichts hatte ich mir zu Beginn mehr gewünscht, als feste Kunden. Jetzt, ein gutes Jahrzehnt später, habe ich sie. Für einige von ihnen arbeite ich seit Beginn, man könnte also sagen, es ist fast wie in einer Beziehung. Und ähnlich schwierig kann es auch werden, die Kunden wieder los zu werden. Das wurde mir jetzt bewusst, als ich ein Zuviel an Arbeit hatte.

Das Ziel eines Freiberuflers muss es eigentlich sein, mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen und auch noch Spaß daran zu haben. Die Sache mit dem Geld habe ich ganz gut im Griff, aber nicht alles, was ich mache, macht mir Spaß. Ich beschreibe es darum gerne als das Schwarzbrot, mit dem ich mein Geld verdiene, um mir die Croissants, also nette Projekte, leisten zu können.

Jetzt hat es sich ergeben, dass ich einen neuen festen Auftrag habe. Zehn bis 20 Stunden im Monat muss ich laut Vertrag für den Kunden aufbringen. Zwar wird der Job nicht super-gut bezahlt, aber die restlichen Konditionen stimmen, und es passt zu dem, was ich mir für die nähere Zukunft vorgenommen habe. Das Problem: Eigentlich bin ich mit meinen bisherigen Bestandskunden völlig ausgelastet. Fazit: Ich musste mein Kundenportfolio umstrukturieren, mich also von einigen Auftraggebern trennen oder für sie zumindest weniger arbeiten.

Meine Kunden unter der Lupe

Post vom Kunden
Post vom Kunden

Ich analysierte also zunächst meine Kunden: Wo verdiente ich besonders wenig? Wo machte mir die Arbeit nicht mehr so richtig Spaß? Ich identifizierte drei Kunden. Mit dem ersten arbeite ich seit zehn Jahren zusammen. Ich schätze das sehr kollegiale Verhältnis und die meist völlig stressfreie Kooperation bei fairer Entlohnung. Neulich habe ich mich aber geärgert: Ich bekam ohne Vorwarnung einen Vertrag zugeschickt, den ich unterschreiben sollte. Das Übliche: Ich gebe mit Unterschrift mehr Rechte ab und bekomme trotzdem nicht mehr Geld dafür. Das ist besonders darum ärgerlich, weil die Onlinetexte in den vergangenen Monaten immer mehr Arbeit gemacht haben, ohne dass das Honorar angehoben wurde: Hier schnell fünf QR-Codes liefern, da eben zehn Screenshots machen oder Pressefotos besorgen. Ich rief meinen Ansprechpartner an und sagte ihm, dass ich nicht vorhabe, den Vertrag zu unterschreiben. Ich sagte ihm, worüber ich mich ärgere. Er unterbrach mich mitten im Satz: „Wenn die Onlinetexte mehr Arbeit machen, was mir bisher nicht bewusst war, dann verlangen Sie für diese künftig 50 Euro mehr.“ Ich war verblüfft. Ich freute mich. Den Vertrag habe ich noch immer nicht unterschrieben – und weniger Arbeit habe ich dadurch auch nicht. Aber immerhin mehr Geld.

Ein neuer Versuch, Kunden loszuwerden

Ich ging also den nächsten Kunden an. Das tat mir besonders weh, denn mit ihm arbeite ich seit zwölf Jahren zusammen. In den vergangenen drei Jahren hat sich aber ergeben, dass das Projekt im ersten Halbjahr immer prima läuft, das Projekt im zweiten Halbjahr mich total nervt. Der Job ist zwar nicht sehr gut bezahlt, hat mir aber schon viele Türe und Tore geöffnet und passt prima zu meiner Portfolioausrichtung. Außerdem ist der Kunde der, mit dem ich das zweithöchste Jahreshonorar verdiene. Trotzdem beschloss ich, mich von ihm zu trennen, die Schmerzgrenze war erreicht. Und ich brauche schließlich mehr Zeit. Ich schrieb eine Mail, bat darum, einen Nachfolger für mich zu suchen und bot an, nachmittags zu telefonieren oder einige Tage später ein persönliches Gespräch zu führen.

Zwei Tage später saßen die beiden Geschäftsführer mit Leichenbittermiene vor mir. „Ihr Wunsch stimmt mich untröstlich“, sagte der eine. Und „Frau Blaß, Sie gehören zu diesem Laden so wie wir, Sie können nicht gehen“, sagte der andere. Ich fühlte mich geschmeichelt. Und erzählte auf Nachfrage, was mich bedrückte. Ich ergänzte, dass ich am wöchentlichen Projekttag außerdem nicht mehr zum Yoga kann und meine Gemüsekiste nicht mehr entgegennehmen kann, weil ich immer zu spät nach Hause komme. Erstaunlicherweise hatten die beiden Herren dafür viel mehr Verständnis als für die anderen angeführten Gründe. Sie boten mir an, die Projektarbeit nur noch im ersten Halbjahr zu machen. Das ist für mich ein guter Kompromiss. Ich behalte die Vorteile des Jobs und habe zumindest im zweiten Halbjahr deutlich mehr Zeit.

Wie ich auch den dritten Kunden nicht los wurde

Trotzdem: Das Arbeitspensum ist noch zu hoch. Also musste ich an den dritten Kunden heran, für den ich seit elf Jahren arbeite. Erst im vergangenen Jahr hatte ich eine Honorarerhöhung durchgesetzt, und jetzt motzte ich schon wieder. Ich gab meinen letzten Auftrag ab und schrieb dazu, dass mir die Themen keinen Spaß mehr machten, er das bitte nicht persönlich nehmen möge und ich nicht weiter für ihn arbeiten möchte. Daraufhin kam eine Mail zurück, die mit „Liebe Frau Blaß“ begann. Gefährlich, dachte ich, denn normalerweise schreibt er immer „Hallo Frau Blaß“. Er würde zutiefst bedauern, wenn ich nicht mehr für ihn arbeiten würde, schrieb er. Und er bot mir an, dass ich mein Themenportfolio an meine aktuellen Interessen anpasse. Dann müsste ich nur noch die Aufträge machen, die mir Spaß machten. Unter diesen Gesichtspunkten kann dieser Kunde noch sehr hilfreich sein, weil sich so die Themen mit denen anderer Kunden überschneiden. Also habe ich das Angebot angenommen.

Fazit: Ich habe es durch meine kleine Revolte geschafft,

  • etwas mehr zu verdienen,
  • etwas mehr Zeit zu haben,
  • etwas mehr Spaß an der Arbeit zu haben.

Alles in allem ist das quasi perfekt. Ich sollte häufiger versuchen, mich von Kunden zu trennen.

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3 Kommentare zu “Als ich einmal meine Kunden los werden wollte

  1. Hallo Bettina,

    absolut richtig wie du da gehandelt hast! Über Jahre verändert man sich selbst oftmals, verlangt bei Neukunden höhere Preise (aufgrund dem „Mehr“ an Erfahrung, das man hat) und/oder entwickelt sich auseinander.

    Insbesondere wenn ich junge Nachwuchsmoderatoren auf ihre ersten Jobs hin coache, merke ich oftmals, dass Sie zu Beginn jeden Job zu allen noch so schlechten Konditionen annehmen würden. Hier rate ich immer dazu, sich erstmals Gedanken zu machen, ob der Job auch wirklich zu einem passt, und ob die Gage auch angemessen ist, um auch in ein bis zwei Jahren noch davon leben zu können. Und spätestens mit den Jahren wird es dann irgendwann Zeit auszusortieren – so wie du das auch getan hast!

    Viele Grüße und weiterhin so viel Erfolg!

    Jan

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