Das Ende von Google+ und anderen Plattformen und die Folgen für die Nutzer

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Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Wer schon lange in diesem Internet aktiv unterwegs ist, hat viele kommen und gehen sehen: Miki, Glossy, Slip, Immersive, Fotopedia, Vuvox oder Storify lauteten die mehr oder weniger kreativen Namen von Plattformen, auf denen man Inhalte veröffentlichen konnte. Manche Seiten ermöglichten sogar schon vor gut zehn Jahren multimediale Inhalte. Bei anderen ging oder geht es eher um Communities, in denen der Text-Foto-Post überwiegt – so wie beispielsweise Google+. Dieses Netzwerk wird im Laufe des Jahres abgeschaltet, mir wurde die Löschung meines Kontos für den 2. April angekündigt.

Google+ schließt
Google+ schließt

Google+ schließt: Und es gehen doch viele Inhalte verloren

Mich lässt das relativ kalt, denn ich hatte bei Google+ nie besonders viele Kontakte. Die Seite für Wirtschaft verstehen habe ich sogar schon vor ziemlich langer Zeit abgeschaltet, weil dort nie viel passiert ist. Bei Kolleg*innen sieht das anders aus: Monika Fuchs beispielsweise, Reisebloggerin und Autorin, hatte 7000 Follower bei Google+. „Für mich war das ein Schock, als ich gehört habe, dass die Plattform dicht macht“, sagt sie. Zwar war Google+ für sie eher eine Imagesache, mit der sie nie viel Geld verdient hat, aber letztlich werden viele engagierte Diskussionen und Kommentare gelöscht werden – zusammen mit den Themen-Sammlungen, die sie auf Google+ hochgeladen hatte. „Wir reden hier von 30.000 bis 40.000 Posts“, sagt Monika. „Die Themen-Sammlungen werde ich am meisten vermissen, da wir darüber sehr interessierte und interaktive Menschen angesprochen haben, die auch unsere Blogposts lasen.“

Schnell gehandelt
Schnell gehandelt

Monika hat allerdings sehr schnell reagiert: Kaum war klar, dass Google+ gelöscht wird, hat sie dort auf ihre anderen Netzwerke hingewiesen: Instagram, YouTube, Facebook, LinkedIn, Pinterest. „Die interaktiven Follower, auf die es mir ankommt, haben die Plattform gewechselt und folgen uns jetzt auf anderen Kanälen“, sagt sie. „Und das Interessante dabei ist, dass sie auf den anderen Plattformen jetzt ähnlich aktiv und kommunikativ sind, wie sie es bei Google+ waren. Nur leider nicht mehr in gemeinsamen thematischen Diskussionsgruppen, die Google+ so interessant machten. Statt spannenden Gruppendiskussionen sind es jetzt Einzelunterhaltungen.“

Auf zu neuen Plattformen, weil Google+ schließt

Derzeit versucht sie, bei Facebook, ihre Sammlungen nachzubauen: „Das ist aber sehr viel Arbeit“, sagt sie. Doch sie geht dabei geschickt vor: Die Fotos hat sie sowieso auf der Festplatte, die Texte zu den Posts hat sie sich bei Google+ heruntergeladen, so dass sie jetzt mehr oder weniger Copy & Paste machen kann. Trotzdem bleibt es schwierig, den Erfolg auf Facebook zu wiederholen. Dadurch, dass Facebook die Sichtbarkeit der Beiträge durch den Algorithmus beschränkt, ist es deutlich schwieriger, interessierte Gruppen zu erreichen als das bei Google+ der Fall war – und das macht es auch viel zäher, dort Likes und Kommentare zu bekommen. Hinzu kommt: “Andere Netzwerke funktionieren eben auch anders“, sagt Monika. „Bei Google+ war das einzige verbindende Element das gemeinsame Interesse an einem speziellen Thema. Kennzeichnend war, dass man dort seine Follower nicht in Schubladen stecken konnte. Das ging querbeet durch die Gesellschaft: Da waren Geschäfts- und Privatleute, Junge und Alte, Frauen und Männer.“ Jetzt sei es eher so, dass jedes soziale Netzwerk seinen Fokus auf eine bestimmte Gruppe richte. Bei LinkedIn sind eben beispielsweise mehr Business Leute, bei Facebook mehr Privatleute.

Die Lösung: Weniger abhängig publizieren?

Für Monika war es das erste Mal, dass sie Inhalte beziehungsweise Kontakte auf einer Plattform verloren hat, die geschlossen wird. Und sie hat daraus gelernt: Künftig will sie sich mehr auf ihr Blog konzentrieren, und Social Media Plattformen eher als Hinleitung zum Blog nutzen. Das ist auch meine Philosophie, allerdings schon deutlich länger. Die Aufzählung der toten Plattformen am Beginn dieses Textes zeigt es: Ich habe bereits sehr oft Inhalte im Netz verloren. Fast immer gab es die Möglichkeit sie herunterzuladen, bevor sie gelöscht wurden. Aber ganz ehrlich: Was genau hätte ich mit dem Code für ein Miki oder Glossy gesollt? Einmal habe ich mir Screenshots meiner schön gestalteten Seiten gemacht, und diese dann in die Blogbeiträge anstelle des embedded Codes eingebaut. Es war nicht dasselbe.

Abhängig publizieren: Digitaler Verlust ist ein Problem

Allerdings habe ich auch schon sehr früh angefangen, Inhalte zu verlieren. Das erste Mal war im Jahr 2006. Damals hatte ich mit Kollegen ein externes Büro und wir hatten einen eigenen Server. Bei einem Einbruch wurde er gestohlen. Backups von Internetseiten waren zumindest bei mir damals noch nicht wirklich üblich. So wurde das gelöscht, was man heute ein Reiseblog nennt. Ich entschied mich dagegen, das Ganze nochmals 1:1 nachzubauen, zu viel Arbeit. Und ich habe 2006 und in den folgenden Jahren, als Plattformen abgeschaltet wurden, gelernt, dass digitaler Verlust gar nicht so weh tun muss, wie man oft denkt. Trotzdem sind mir nach dem Diebstahl und nach den vielen bereits geschlossenen Plattformen zwei Dinge wichtig: Sicherheitskopien und vor allem meine Internetseiten als Zentrum meines gesamten digitalen Geschehens. Das mag altertümlich klingen, wenn man bedenkt, dass man nahezu überall seine Inhalte veröffentlichen kann. Wirklich Frau im Haus bin ich aber nur in meinem selbstgehosteten WordPressblog. Und dort bin ich noch immer abhängig vom Provider und davon, dass WordPress weiterentwickelt wird. Ein eigener Server und ein eigenes CMS wäre mir dann aber doch zu viel des Guten.

Abhängig publizieren bedeutet auch: Weiterziehen, wenn es nötig ist

Übrigens sieht Gunnar Sohn die Situation ähnlich entspannt. Der freie Journalist und vor allem Live-Streamer nutzt Facebook und Twitter für seine Live-Sendungen und ist somit komplett von den Plattformen abhängig: „Facebook bietet aber über die Kommentarfunktion die beste Methode für Dialogformate“, sagt er. Und ergänzt:“Ich geh dorthin, wo die Wirkung am besten ist. Sollte Facebook Live irgendwann nicht mehr funktionieren, werde ich eben auf die nächste Plattform wechseln.“ Dabei hält er es ähnlich wie Monika und ich: Die wichtigsten Inhalte speichert er zusätzlich auf der Festplatte. Seine Videoclips hat er also ordentlich archiviert. „Ich könnte sie jederzeit anderswo hochladen.“ Anders ist das mit Inhalten, die er einst mit Vine, dem früheren Videodienst zu Twitter, gemacht hatte: „Viele Filmchen, die gut angekommen waren, und auch die Vinewalks selbst sind verloren. Das war aus heutiger Sicht eine Menge verplemperte Zeit.“

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