Mein gespaltenes Verhältnis zu Visitenkarten

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Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Neulich überreichte mir ein junger Mann seine Visitenkarte und sagte, er wolle sich mit mir vernetzen. Ich nahm sie an, zweifelte aber wieder einmal daran, ob Visitenkarten tatsächlich heute noch einen Wert haben. Meine Gründe gegen den Tausch von Visitenkarten.

Leere Visitenkartenbox
Leere Visitenkartenbox

Timo hat neulich noch geschrieben, Visitenkarten hätten auch in der digitalen Ära eine Existenzberechtigung. Ich sehe das anders, und das schon seit vielen Jahren. Der Hauptgrund für meine Einstellung liegt in meiner Person: Ich bin eindeutig kein Sammler, sondern Wegwerfer. Das hat zur Folge, dass ich überreichte Visitenkarten immer irgendwohin stecke und dann vergesse. Finde ich sie zufällig nach einem halben Jahr oder noch längerer Zeit wieder, weiß ich nicht mehr, wer sie mir warum überreicht hatte.

Früher versuchte ich, mir eine gewisse Ordnung anzutrainieren und Visitenkarten sofort in eine dafür vorgesehene Box zu stecken. Die habe ich dann in unregelmäßigen Zeitabständen durchforstet und dabei festgestellt, dass sich fast nichts schneller überholt als Visitenkarten: Menschen wechseln ihre Position oder ihren Arbeitgeber – und zack ist das teuer gedruckte Stück Papier wertlos. Früher hatte auch ich überall Visitenkarten bei mir – selbst an Karneval. Heute verstauben die restlichen Exemplare in meiner Schublade.

Getauschte Karten stehen nicht für Vernetzung

Hinzu kommt: ich bin noch lange nicht vernetzt mit einem Menschen, der mir seine Visitenkarte gibt. Denn wenn ich nicht regelmäßig darüber informiert werde, was er gerade macht, gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Auch darum bevorzuge ich eine echte Vernetzung über die sozialen Netzwerke: Dort wird man fast erschlagen mit Möglichkeiten, mit mir langfristig in Kontakt zu treten. Je nach persönlichem Geschmack kann man sich mit mir
bei Xing verbinden,
bei LinkedIn,
bei Facebook oder
Google+,
bei Instagram oder
Twitter.

Alle diese Optionen haben zwei wesentliche Vorteile gegenüber der Visitenkarte aus Papier:

  1. Erreicht man mich darüber direkt – egal, ob ich meine Telefonnummer oder Mailadresse gerade geändert habe.
  2. Bleibt man auf dem Laufenden über das, was ich mache, kann also direkt daran anknüpfen, wenn man mich aus welchem Grund auch immer kontaktieren will.

Visitenkarten gefragt auf der ITB

Visitenkarten im Etui
Visitenkarten im Etui

Lustigerweise hatte ich neulich trotzdem eine Situation, bei der meine Papier-Visitenkarten gefragt waren: Ich war auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB). Einige Tourismus-Vertreter hatten mich vor der Anreise über die Datenbank kontaktiert, um mich auf der Messe zu treffen. Die meisten verzichteten auf den Visitenkartenaustausch: „Ich habe Ihre Daten ja im Computer“. Ganz meiner Meinung. Nur zwei Länder legten großen Wert auf Visitenkarten: Malaysia und Griechenland. Am Stand von Griechenland wurde ich direkt fünf der Karten los, die jeder bedächtig in Händen hielt, ohne die deutsche Jobbezeichnung zu verstehen. Und wahrscheinlich war auch das ß in meinem Nachnamen eher ein Rätsel denn eine Erkenntnis bezüglich der korrekten Aussprache meines Namens. Das eigentlich Lustige an der Geschichte ist aber, dass ich im Nachklapp mit allen Tourismus-Vertretern nochmals Kontakt hatte – außer mit den Malaien und Griechen. Sie reagierten nicht auf meine Mails, meldeten sich aber auch von selbst nicht mehr bei mir. In diesem Sinne war das die Bestätigung für mich: Visitenkarten sind heutzutage eher überflüssig geworden.

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3 Kommentare zu “Mein gespaltenes Verhältnis zu Visitenkarten

  1. Braucht man sie nun oder doch eher nicht?
    Ich gebe gerne zu, dass ich ein Fan von „Gedrucktem“ bin – also auch der Visitenkarte.
    Über deren langfristigen Nutzen lässt sich sicherlich streiten.
    In einer Zeit, in der die meisten beruflichen Kontaktanbahnungen doch virtuell stattfinden, empfinde ich den persönlichen Austausch von Visitenkarten immer noch als sinnvoll. Und sei es deshalb, dass man mal eben noch einen Blick darauf werfen kann, wenn man den Namen des Gesprächspartners vergessen oder nicht richtig verstanden hat. Gut, ein etwas schwaches Argument vielleicht aber vielleicht möchte ja jemand noch etwas hinzufügen? :-)

  2. Es gibt nichts schnelleres und weniger fehleranfälliges als jemandem ein „Kärtchen“ in die Hand zu drücken.

    Ich persönlich scanne die Karten dann ein und manage mein Evernote und LinkedIn damit. Aber das will man machen wenn man Zeit hat und nicht wenn man eigentlich mit dem Gegenüber über was wichtiges sprechen möchte.

    Es gibt kaum etwas nervigeres als gegenüber jemandem zu stehen der gerade in mühevollster Kleinarbeit meine Kontaktdaten in sein Handy tippt und nachher noch ein Foto machen will, weil er keine Visitenkarte annehmen will.

    Einen Tag später können sie dann ja in die Tonne wandern ;-)

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