Verkauft Euch nicht unter Wert!

Von 

Freier Journalist mit Schwerpunkt Technik, Sachbuchautor und Dozent. Nerd, Geek und vieles mehr. Homepage: www.timo-stoppacher.de Weitere Profile von mir: @CGNTimo, Facebook und Google+. E-Mail timo@stoppacher.de

Vor ein paar Wochen hat unser Beitrag zum 152-Euro-Tagessatz bei der Süddeutschen Zeitung eine riesige Resonanz ausgelöst. Das Schlimme daran: Fast jeder findet, dass dieser Tagessatz zu wenig ist, aber es gab auch viele Rückmeldungen von Journalisten, die sich über diesen Tagessatz freuen würden, weil sie noch viel weniger verdienen!

Nochmal kurz zusammengefasst: Ich hatte vorgerechnet, dass man bei einem Tagessatz von 152 Euro im Monat unter durchschnittlichen Bedingungen 1.667 Euro netto erlöst – für eine qualifizierte Tätigkeit als Wirtschaftsjournalist in München, einer der teuersten Städte Deutschlands.

Wie gesagt, das Echo war gewaltig. Der Beitrag wurde hunderte Male auf Twitter und Facebook geteilt und entsprechend kommentiert. Hier habe ich mal ein paar Reaktionen zusammengestellt – es gab noch viel mehr.

Reaktion der SZ

Die SZ, die in vielen Tweets direkt angesprochen wurde, verhielt sich ziemlich ruhig. Lediglich Stefan Plöchinger, Chefredakteur Süddeutsche.de, reagierte kurz mit ein paar Tweets und bezeichnete diesen Tagessatz als Einstiegssatz, der ja verhandelbar sei:

Auf Anfrage schickte er mir dann dieses längere Statement:

 Man kann nicht einfach vom genannten Verhandlungsbasis-Einstiegssatz, der auf durchschnittlichen Textlängen und Freien-Tarifen basiert, hochrechnen, wie wir uns am Schluss aufgrund Vorkenntnissen und geplanter Einsatzweise eines Mitarbeiters tatsächlich einigen. Bei uns gibt es Zuschläge und Zusatzkonditionen, die das faktische Honorar nicht nur ein bisschen höher werden lassen – aber darüber reden wir mit Bewerbern und Mitarbeitern einzeln und nicht öffentlich, wie es bei Verhandlungen auch üblich ist. Darum an der erwähnten Stelle nur der Verweis auf den Mindestsatz; für alle weiteren Gespräche ist unsere Position durchaus: Honorare freier Journalisten dürfen kein Dumping betreiben, und wir setzen auf eine Bezahlung nach Aufwand, frei nach den Freischreibern.

Ich will an dieser Stelle auf das Honorar der SZ nicht weiter eingehen. Mir ging es bei dem Beitrag auch nicht darum, die SZ für Honorardumping an den Pranger zu stellen, sie lieferte nur einfach ein schönes Beispiel, um mal vorzurechnen, was von einem Tagessatz für freie Journalisten übrig bleibt.

152 Tagessatz Euro sind wohl viel

Ich bekam neben den vielen öffentlichen Reaktionen ein paar private Nachrichten von Bekannten und Fremden, die ebenfalls der Meinung waren, dass dieser Tagessatz zu wenig sei und mir gleichzeitig gestanden, dass sie für noch weniger arbeiten. Das „Mindestgebot“ waren eine Tagespauschale von 80 Euro am Tag bei einer Tageszeitung im Ruhrgebiet. Wenn man das in Stunden umrechnet, liegen wir also beim gesetzlichen Mindestlohn (oder darunter). Für eine Tätigkeit, die in der Regel Menschen mit abgeschlossenem Hochschulstudium und mehrjähriger Berufserfahrung ausüben. Und die durch den Status als Selbstständiger keine vergleichbare Absicherung bietet.

Aber woran liegt es? In diesem Beitrag wird das Honorar ebenfalls kritisiert. Gleichzeitig wird angemerkt: „Ansätze, wie man das Problem lösen kann, hat aber weder er [ich] noch die Teilnehmer der Diskussion.“

Gute Bezahlung für gute Arbeit

Ich weiß nicht, welchen Ansatz ich da liefern soll, außer „höhere Honorare“. Das Grundproblem sind ja nicht die niedrigen Honorare, sondern dass eben viele Kolleginnen und Kollegen für diese Honorare arbeiten ohne zu Murren.
Klar, auch ich würde im Notfall für ein niedriges Honorar arbeiten, wenn die Alternative ist, keine Aufträge zu haben. Unterhaltssicherung geht vor. Aber mittel- und langfristig muss das Honorar doch einen Lebensstil ermöglichen, der meiner Qualifikation (Journalismus-Studienabschluss und mehr als zehn Jahre Berufserfahrung) entspricht. Wenn ich die Gehälter der Journalisten mit den aktuell gezahlten Gehältern in Boombranchen wie der IT oder der Industrie vergleiche, kommen mir sowieso die Tränen.

Trotzdem ist Journalist zu sein für mich der geilste Beruf der Welt. Und ich denke, dass viele das ähnlich sehen, die Zähne zusammenbeißen und für Honorare arbeiten, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Nur eben zu viele. Deshalb: Ermittelt den Wert Eurer Arbeit und findet Auftraggeber, die bereit sind, anständige Honorare zu zahlen. Die gibt es. Sicherlich gehört die Lokalzeitung vor Ort nicht dazu. Mit Zeitschriften habe ich persönlich schon viel bessere Erfahrungen gemacht.

Ein angemessenes Honorar ist auch gut für das Ego, denn oft wird Wertschätzung ja nur in Form des Honorars vermittelt.
Stärkt Euer Selbstwertgefühl und verkauft Euch nicht unter Wert!

Du hast einen Fehler im Text gefunden? Dann sag uns doch bitte Bescheid. Einfach das Wort mit dem Fehler markieren und Strg+Enter drücken. Schon bekommen wir einen Hinweis.

4 Kommentare zu “Verkauft Euch nicht unter Wert!

  1. Ja, ich als freier Journalist bekomme oft(!!!) Angebote, deren Honrar für aufwändige Recherche und Schreiben von langen Artikel ich nicht einmal als lächerlich betrachten würde. (z.B. drei Tage Arbeit 150 Euro) .
    Das wirklich Frustrierende daran ist, dass ich, wenn mich das Thema interessiert und ich versuche, zu verhandeln, nur zu oft höre: Wir haben gute Leute, die kein Problem damit haben, zu diesem Satz zu arbeiten. Wir haben Sie angeschrieben, um frischen Wind in unsere Artikel zu bringen.
    Ich kann diesen Auftraggebern noch nicht einmal böse sein, denn sie haben recht. Ich schau oft einmal nach, was dann wirklich da steht (denn ICH arbeite nicht für solche Sätze!) – und die Autoren sind durch aus nicht unbekannte Namen aus der Wisssenschaftsjournalismus-Szene.
    Das tut echt weh. Ich frag mich, ob wir uns nicht in einer Abwärtsspirale befinden, an deren Ende vielleicht sogar ein Bieter-Wettkampf entsteht, wieviel Geld ich dafür zahle, einen Artikel schreiben zu dürfen….
    Von „davon leben können“ hat ja keiner gesprochen….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.