Warum niedrige Tagessätze der Anfang eines Problems sind

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Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Anfang Januar gab es viele Diskussionen um einen Tagessatz von 152 Euro für freie Journalisten. Bei Twitter wurde die Frage gestellt, ob die Freien denn auch für andere Auftraggeber arbeiten dürften. Die Antwort lautete ja, schließlich seien sie frei. Was verlockend klingt, ist tatsächlich nur der Anfang eines großen Problems.

9 to 5 ist im Journalismus kaum möglich - aber rund um die Uhr zu arbeiten, ist auch keine Lösung.
9 to 5 ist im Journalismus kaum möglich – aber rund um die Uhr zu arbeiten, ist auch keine Lösung.

Ich habe damals auf diesen Tweet geantwortet, dass man eben an den Tagen, an denen man für 152 Euro arbeitet, nicht gleichzeitig besser bezahlte Aufträge annehmen kann. Das ist in seiner Kürze korrekt, aber die Folgen sind deutlich weitreichender. Zwei Beispiele: Vor vielen Jahren, 2009, habe ich als Dozentin an einer Mainzer Bildungseinrichtung Onlinejournalismus unterrichtet. Um Verwechslungen vorzubeugen: Es war nicht die Uni – dort unterrichte ich noch immer. Tagessatz: 245 Euro. Das klingt zunächst nicht schlecht. Doch was von einem Tagesshonorar wirklich bleibt, hat Timo Stoppacher ausgerechnet. Bei mir wäre es dementsprechend etwas mehr gewesen.

Wäre, wohlgemerkt. Denn ich hatte eine An- und Abfahrt von über zwei Stunden und Reisekosten in Höhe von 53 Euro pro Tag. Nach Abzug der Reisekosten blieben als pro Tag 192 Euro – vor Steuern und Versicherungen. Zu wenig, um zu leben, rechnete ich damals ebenfalls aus. Ich stand um halb sechs morgens auf und kam gegen 20 Uhr zurück. Hinzu kam: Ich schrieb während der Zugfahrt Artikel für besser zahlende Kunden, und in meinen Pausen checkte ich meine Mails und beantwortete eilige Fragen anderer Kunden. Ich habe also locker zwölf Stunden am Tag gearbeitet – und dementsprechend fertig war ich nach einer Woche Blockunterricht. Dummerweise konnte ich auch einige Aufträge für besser bezahlte Workshops nicht annehmen, weil ich bereits dem schlecht-zahlenden Kunden für diese Zeit vertraglich verpflichtet war. So etwas ist doppelt ärgerlich.

Niedrige Tagessätze trotz bester Evaluierung

Ich ging damals zu meinem Auftraggeber und sagte: Geht so nicht, ich muss besser bezahlt werden. Die Antwort kam in Form eines Telefonanrufs am späten Abend: Mein Unterricht sollte am nächsten Tag evaluiert werden. Ich setzte mich also hin und überarbeitete meine Folien für den nächsten Morgen. Fazit: Der Evaluator lobte mich in den höchsten Tönen. Der Auftraggeber meinte aber, er könne mir nicht mehr zahlen, aber ich dürfe gerne mehr Stunden für ihn arbeiten. Ehrlich gesagt: eine Unverschämtheit. Denn damit potenzierte sich mein Problem: Noch mehr Stresstage für wenig Geld, während er für wenig Geld eine super Dozentin hat. Folge: Ich kündigte – und habe das nie bereut. Ähnliches ist mir übrigens mit einer Zeitung aus Süddeutschland passiert – um es ausdrücklich zu sagen: Es war nicht die Süddeutsche.

Vielleicht erklärt dieses Beispiel, warum ich es schwierig finde, wenn sich jemand tageweise für wenig Geld einem Kunden verschreibt. Ganz abgesehen davon, dass das Ganze unter Scheinselbstständigkeit fallen könnte. Und ganz abgesehen davon, dass derjenige ohne alles da stehen wird, wenn dem Verlag einfällt, dass er ihn nicht mehr braucht. Wer gute Arbeit verlangt, sollte auch dementsprechend bezahlen. Aber auch damit ist es unter Umständen nicht getan. Noch ein Beispiel:

Gut bezahlt, und trotzdem schwierig

Einige Zeit später nahm ich eine Elternzeit-Vertretung in der internen Kommunikation eines internationalen Konzerns an. Ich arbeitete drei Tage die Woche vor Ort, zwei Tage in meinem Büro für meine anderen Kunden. Nun ließen sich aber Interviews für diese nicht immer auf meine Bürozeiten legen. Also musste ich an den Tagen, an denen ich Elternzeitvertretung war, ab und zu in einem entlegenen Treppenhaus ein Interview für einen anderen Kunden führen, auf der Treppe sitzend, den Notizblock auf den Knien balancierend. Die Zeit für das Interview musste ich an die Arbeitszeit in der internen Kommunikation hinten anhängen. Schließlich bezahlten die mich nicht dafür, dass ich in ihrer Arbeitszeit für andere Kunden arbeitete.

Meine E-Mails checkte ich in dieser Zeit einige Male am Tag heimlich, und wenn ich mich nach acht Stunden im Büro im Auto im Stau rund um Köln nach Hause quälte, führte ich über das Headset die anstehenden Gespräche mit meinen anderen Kunden. Die nahmen natürlich keine Rücksicht darauf, dass ich drei Tage die Woche nicht in meinem Büro war, sondern riefen an, wann es ihnen passte. Ich musste dementsprechend zurückrufen. Zuhause fuhr ich dann den Rechner hoch, um die Arbeit zu erledigen, die nicht bis zum nächsten Bürotag warten konnte. 60 Stunden die Woche waren normal.

Gut bezahlt, und trotzdem schwierig

Die Elternzeitvertretung war exorbitant gut bezahlt. Eigentlich hätte ich gar nicht für meine anderen Kunden arbeiten müssen. Aber da war der Haken: Die Elternzeitvertretung endete nach sechs Monaten. Hätte ich meine Bestandskunden in dieser Zeit nicht beliefert, hätte ich nach einem halben Jahr also wieder bei null angefangen. So kam es, dass dieses Jahr das finanziell stärkste meiner Selbstständigkeit war, und gleichzeitig meine Freunde mich am Ende der Elternzeitvertretung baten, kürzer zu treten, weil ich nur noch grau und fertig aussah – und überhaupt keine Zeit mehr für sie oder mich hatte. Geld alleine ist eben nicht alles.

Fazit: Medienhäuser, die Freie suchen, die täglich bei ihnen arbeiten, sollten diese schon aus Fairness anstellen. Können sie sich das nicht leisten, müssen sie darüber nachdenken, ob ihr Produkt sinnvoll ist. Denn fehlende Einnahmen und Geschäftsmodelle auf dem Rücken der Freien auszutragen, ist nicht fair. Schließlich leisten diese in der Regel die gleiche Arbeit wie die Festangestellten, werden aber nicht dementsprechend entlohnt. Das kann nicht sein, das darf nicht sein.

Liebe Freie, überlegt Euch gut, ob Ihr Euch für 152 Euro am Tag beschäftigen lasst. Es ist eine Spirale, aus der man schwer herauskommt. Bevor Ihr Euch für 152 Euro pro Tag beschäftigen lasst – sucht ein bisschen weiter. Es gibt viel mehr Abnehmer für journalistische Arbeit als man denkt. Abnehmer, die vielleicht einen kleineren Namen haben, dafür aber ein größeres Honorar überweisen.

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3 Kommentare zu “Warum niedrige Tagessätze der Anfang eines Problems sind

  1. Liebe Bettina,

    ich unterschreibe sowas von… In meinen Workshops und Seminaren merke ich immer wieder, wie schwierig das für so manchen Freiberufler ist zu verstehen: Meine Arbeitszeit kann ich nur einmal verkaufen. Klar kann ich im Zug arbeiten (naja, ich persönlich kann das nur sehr begrenzt, weil mir vom Notebook-Zug-Geruckel übel wird), klar kann ich in Treppenhäusern Telefonate mit anderen Auftraggebern führen, klar kann ich auf dem Spielplatz noch Konzepte entwerfen. Aber a) will ich das? Und b) Wohin führt das? Ich komme immer wieder zu dem Schluss: Lieber einmal anständig bezahlt und Spaß am Auftrag. Oder aber eben Spaß an der Akquise. Wer sich immer unter Wert verkauft, wird nie Luft nach oben haben.

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