Als Freiberufler im Gleichgewicht bleiben

Bettina Blaß

Von 

Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Klar ist es total klasse, dass wir überall erreichbar sind, überall Mails checken und Telefonanrufe annehmen können. Und überhaupt: Journalist ist man 24 Stunden am Tag. Man macht nicht eine Bürotür zu und ist draußen. Nein, man fragt sich eher ständig: Ist das ein Thema? Aber Hand aufs Herz: Wer will schon leben, um nur zu arbeiten? Es gibt so viele andere wichtige Dinge im Leben. Zwischen all’ unseren Funktionen die Balance zu halten, ist eine schwierige, aber wichtige Aufgabe, um möglichst lange Zeit diesen Job machen zu können.

Ich kenne Kollegen, die sich erst dann richtig gut fühlen, wenn sie rund um die Uhr arbeiten. „Wochenenden? Spielen für mich keine Rolle“, sagte neulich ein Kollege zu mir. Er hat mir leid getan. Zwar habe ich in diesem Jahr auch schon extrem viele Arbeitswochenenden gehabt, aber grundsätzlich ist es mir wichtig, dass das in der Regel eher nicht so ist. Ich kenne auch das Wort Feierabend – und lebe es. Klingelt in meinem Büro das Telefon, nachdem ich den Computer heruntergefahren habe, hat der Anrufer Pech gehabt. Morgen ist auch noch ein Tag. Mein Handy ist übrigens meistens auf lautlos gestellt. Das führt dazu, dass ich nicht höre, wenn mich Leute anrufen. Und davon geht die Welt tatsächlich nicht unter. Ich rufe dann zurück, wenn es mir passt.

Bist du im Gleichgewicht?

Simone Janson von Berufebilder nennt in einem Beitrag Ängste, die Arbeitnehmer haben, die im Homeoffice arbeiten. Dazu gehört die Angst von informellen Kanälen abgeschnitten zu sein, keine Beziehungen aufbauen zu können oder nicht ausreichend Feedback zu bekommen. Außerdem haben viele Angst, schlecht bewertet zu werden, oder mehr Selbstdisziplin zu benötigen, um die Arbeit zu verrichten. Das alles trifft auf mich glücklicherweise nicht zu. Ich stelle allerdings durchaus fest, dass mit einer höheren Digitalisierung auch eine höhere Erreichbarkeit vorausgesetzt wird. Und das ist gerade als Freiberufler sehr schwierig, denn ein Kunde ruft mich durchaus schon um 7:30 Uhr an, der andere aber bevorzugt nach 18 Uhr. Würde ich hier auch nur ansatzweise den Versuch starten, es allen recht zu machen, hätte ich 12-Stunden-Arbeitstage.

Wie man in die Balance kommt

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich liebe meinen Beruf. Ich kann nichts anderes. Ich will auch nichts anderes machen. Aber ich verbringe auch gerne Zeit mit meinem Mann. Ich reise gerne, treffe gerne meine Freunde, mache Sport oder lese. Also muss ich mir dafür aktiv Freiraum schaffen. Denn gerade als Freiberufler lässt man sich sonst leicht von seinem Beruf komplett vereinnahmen, auffressen, identifiziert sich im schlimmsten Fall nur noch darüber. Das sind dann die Menschen, die nur noch über ihren Job reden, und damit zumindest mich schrecklich langweilen.

Wer sich mit der so genannten Work-Life-Balance auseinandersetzt, also mit dem Gleichgewicht zwischen Job und Leben, der muss sich selbst erst einmal auseinandernehmen: Welche Funktionen habe ich eigentlich? Geht es um die Arbeit, sind freiberufliche Journalisten beispielsweise auch

  • Buchautoren,
  • Dozenten,
  • Selbstvermarkter,
  • Organisatoren,
  • eventuell die eigene Buchhaltungsabteilung und
  • der eigene IT-Support.

Selbst und ständig eben.

Bewusst den Ausgleich suchen

Deine Rollen
Deine Rollen

Im nächsten Schritt sollte man nun seine Rollen für die Segmente „Körper“, „Kontakt“ und „Sinn“ suchen. Bei „Körper“ kann beispielsweise stehen: Läufer, Koch, Entspannungsexperte. Bei „Kontakt“ könnte man schreiben: Partner, Mutter/Vater, Sohn/Tochter, Freund, Vereins- oder Verbandsmitglied, ehrenamtlich Engangierter und so weiter. Im Segment Sinn geht es um Hobbys und um Dinge, die Spaß machen: Reisender, Hobbyfotograf, Naturschützer beispielsweise. Dann zeigt sich schnell, ob man in der Balance ist, oder ob ein Segment zu kurz kommt.

Ist das der Fall, und will man etwas ändern, muss man an den richtigen Schrauben drehen. Das kann bedeuten, dass man „Sinn“ früh genug in seinen Kalender einträgt, nämlich bevor dieser voll mit Arbeitsterminen ist. Heißt: „Museumsbesuch“, „Wochenendtrip“ oder „Fotoworkshop“ hat die gleiche Wertigkeit wie eine Deadline oder ein Seminar. Und wenn ein Sinn-Termin bereits im Kalender steht, kann ich eben an diesem Tag nicht arbeiten. Gleiches gilt natürlich für das Segment Körper. Mehr Bewegung ist für die meisten Büroarbeiter wichtig. Sie lässt sich ganz gut in den Alltag einbauen:

  • Die Treppen nehmen, nicht den Aufzug.
  • Eine Bushaltestelle oder eine U-Bahn-Station früher aussteigen.
  • Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.

Wer sich selbst mehr verpflichten möchte, kann sich mit Freunden zum Sport verabreden oder in einen Verein oder ein Fitnessstudio eintreten.

Kein Freizeitstress!

Geht es um die Kontakte, wird es schwieriger, denn von seiner Familie kann man sich oft schwer lossagen, auch wenn es nicht immer rund läuft. Grundsätzlich gilt jedoch, dass man selbst sich entwickelt, und auch die Mitmenschen entwickeln sich. Nicht immer laufen diese Entwicklungen synchron. Und darum sollte man bei Freunden und Bekannten, mit denen es plötzlich zu Spannungen kommt, schon fragen, ob man mit ihnen wirklich die wertvolle freie Zeit verbringen will. Übrigens gilt das auch für Ehrenämter: Natürlich ist es total lobenswert, wenn man sich für die Gesellschaft engagiert. Wenn ein Ehrenamt aber zu viel Platz einnimmt und genau die Zeit und Energie auffrisst, die man für einen Ausgleich braucht, dann sollte man es abgeben. Work-Life-Balance hat also auch viel mit Zeitmanagement zu tun. Eines sollte sie jedoch auf gar keinen Fall: Neuen Stress verursachen. Das passiert dann, wenn man meint, jeden Freizeittermin auf Biegen und Brechen einhalten zu müssen. Nicht vergessen: es gibt auch immer noch die Option etwas einfach nicht zu tun.

Wie sieht es mit Eurer Work-Life-Balance aus? Was tut Ihr, um im Gleichgewicht zu bleiben? Schreibt gerne Eure Kommentare unter den Text.

Ich habe mich mit dem Thema Work-Life-Balance übrigens unter anderem bei einem Seminar der Verwaltungsberufsgenossenschaft beschäftigt. Dort bin ich freiwillig unfallversichert. Und von diesem Seminar ist auch der oben gezeigte Material-Ausschnitt.

https://berufebilder.de/digitale-arbeit-employer-branding-politik/

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