Leserfrage: Wo kommen im Journalismus die Zitate her?

Von 

Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Neuerdings hört man die Forderung immer öfter: Journalisten müssen ihren Job erklären. Damit die Bürger wissen, was der Unterschied ist zwischen jemandem, der das ABC gelernt hat und ab und zu fotografiert, und jemandem, der beruflich in Wort oder Bild berichtet. Aus der Sicht von Journalisten mag das merkwürdig klingen, denn wenn man seinen Beruf täglich ausübt und damit sein Geld verdient, sind die Regeln des Handwerks natürlich klar.

Woher kommen eigentlich die Zitate im Journalismus?
Woher kommen eigentlich die Zitate im Journalismus?

Dass das längst nicht für jeden gilt, zeigt eine Leserfrage zu Zitaten, die wir hier gekürzt veröffentlichen:

„Für einen Artikel für die 1. Ausgabe eines kleinen Online-Magazins mit winzigem Budget (…) benötige ich einige Zitate – natürlich bestenfalls von Experten, (…) und möglichst nah an den Thesen dran, die ich untermauern möchte. (…) Wie kommt man z.B. an eine Aussage von (…)? Wurde da eine Frage vorgegeben und an die Pressestelle geschickt? Wurde vorgegeben, welche Stichworte in der Antwort möglichst vorkommen sollen? Erfolgt davor eine Anfrage mit dem Exposé des Artikel (…)?

Wie macht Ihr das?“

Unsere Antwort zu Zitaten im Journalismus

Im Journalismus steht die Recherche vor dem Schreiben eines Textes. Das heißt, ich überlege mir, welches Thema meine Zielgruppe interessieren würde. Dann suche ich einen Experten, der zu diesem Thema passt. Geht es beispielsweise um Versicherungen, wende ich mich möglicherweise an den Bund der Versicherten, will ich etwas über das Smartphone-Nutzungsverhalten wissen, frage ich zum Beispiel BITKOM an.

Anfragen von großen Medien scheinen eher zu Zitaten zu führen

Üblicherweise haben Verbände und Unternehmen eine Pressestelle, die genau dafür da ist, Presseanfragen zu beantworten. Ich schreibe ihnen dann also eine Mail, in der ich sage, für welches Medium meine Rechercheanfrage ist, wann meine Deadline ist, welches Thema ich bearbeite. Und ich liste mal mehr, mal weniger detailliert die Fragen auf, die ich zum Thema habe. Meine Erfahrung ist, dass es deutlich einfacher ist, ein Gespräch speziell mit jemandem in leitender Funktion zu bekommen, wenn man für ein bekanntes Medium schreibt, als wenn es eine Zeitschrift, eine Zeitung oder ein Onlineprodukt ist, die oder das keiner kennt. Je unbekannter das Medium ist, so auch meine Erfahrung, desto häufiger muss man bei einigen potenziellen Gesprächspartnern nachfragen, ob es eben dieses Gespräch geben wird.

Es gibt da allerdings eine Ausnahme: Mich erstaunt immer wieder, dass ich sowohl für mein kleines Blog Wirtschaft verstehen als auch für Fit für Journalismus Gesprächspartner bekomme, ohne dass ich Überzeugungsarbeit leisten muss. Möglicherweise liegt es daran, dass viele Gesprächspartner professionelle Blogs in der Zwischenzeit cool und den klassischen Medien gleichwertig erachten. Darum ist mein Tipp an alle, die bloggen: Traut Euch, Gesprächspartner anzusprechen, die Ihr gerne zitieren wollt. Mehr als „Nein“ können sie sowieso nicht sagen.

Antworten werden zu Zitaten

Die Pressestelle sucht dann intern nach einem Experten, der meine Fragen beantworten kann. Entweder telefonieren wir später miteinander, meistens 20 bis maximal 40 Minuten, oder ich bekomme die Antworten per Mail. Die Antworten sind dann ein Teil meines Artikels. Zusammen mit dem, was ich sowieso weiß, und dem, was ich zusätzlich recherchiert habe, wird daraus also ein großes Ganzes. Je kritischer ein Thema ist, desto wichtiger ist es, dass man ein solches Gespräch mit mindestens zwei Quellen führt, denn nur so lässt es sich von mehreren Seiten und objektiv beleuchten.

Die Gespräche sind außerdem die Grundlage für die Zitate: Das, was mir mein Experte gesagt hat, darf ich zitieren. Es gibt Kunden und Gesprächspartner, die vor der Veröffentlichung noch sehen wollen, mit welchen Sätzen sie letztendlich zitiert werden. Eine rechtliche Verpflichtung zur Vorlage der Zitate gibt es nicht, trotzdem wird das häufig gemacht. Ich behalte mir allerdings vor, dass wenn zu viel an den Zitaten geändert wurde, ich sie nicht im Artikel lasse und sie dementsprechend auch nicht veröffentlicht werden.

Tipp: Gerade bei Bloggern lese ich immer wieder, dass Zitate so beendet werden: „…, sagt Herr Mayer“ oder „…, meint Frau Müller“. Das ist absolut unprofessionell. Wenn Ihr jemanden zitiert, fragt Ihr immer nach seinem Vornamen und seiner Funktion. Korrekt heißt es dann beim ersten Zitat zum Beispiel „…, sagt Anna Müller, Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei WasduschonimmerüberJournalismuswissenwolltest in Medienstadt“. Ab dem zweiten Zitat verwendet man nur noch den Namen oder nur noch die Funktion.

Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Übrigens: Da Artikel 5 Grundgesetz Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland garantiert, würde ich niemals jemandem eine Vorgabe machen, was er zu sagen hat und was nicht. Die meisten Gesprächspartner würden sich das nach meinen Erfahrungen auch verbitten.

Habt Ihr auch Fragen zum Journalismus? Stellt sie uns gerne. Wir freuen uns, wenn wir Euch den tollsten Beruf der Welt näherbringen können.

Du hast einen Fehler im Text gefunden? Dann sag uns doch bitte Bescheid. Einfach das Wort mit dem Fehler markieren und Strg+Enter drücken. Schon bekommen wir einen Hinweis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.