Gelesen: „Webdoku. Geschichte, Technik, Dramaturgie“

Bettina Blaß

Von 

Selbstständige Journalistin mit dem Fokus auf Verbraucher- und Internetthemen, Buchautorin, Dozentin. Mehr Infos: Wirtschaft verstehen!, Facebook, @kuechenzurufGoogle+

Buch: Webdoku
Buch: Webdoku

Ich gebe zu, dass ich Webreportagen skeptisch gegenüber stehe: Es gibt viele davon, sehr viele, und ich frage mich, wer alle die Webreportagen lesen, hören und anschauen soll, die die Medien ins Netz stellen. Hinzu kommt, dass ich kein Freund von Pageflow bin: Irgendwie sieht jede Webreportage, die mit der Software gemacht wird, gleich aus – trotzdem ist Pageflow beliebt. Und ich glaube, die Aneinanderreihung von Bild, Video, kurzen Audio-Statements und noch kürzeren Texten macht noch lange keine Webreportage aus. Das gilt auch für Specials, die mit Atavist und ähnlicher Software gemacht wurden, so dass der Nutzer im Prinzip Scrollytelling präsentiert bekommt. Dabei wird ihm nämlich eine Linearität vorgegeben, die im Internet so nicht zwingend notwendig ist.

Trotzdem ist es natürlich schöner, wenn wir das Internet als multimediales Medium begreifen und weg kommen von nur Bild und Text – zumindest so lange der Inhalt trägt, dass er multimedial aufbereitet werden soll. Allerdings geht der onlinespezifische Charakter auch hier häufig verloren, denn das Medium wird mit Foto, Video, Text und Audio nicht ausgereizt. Man kombiniert lediglich, was man aus der analogen Welt kennt, aber die Innovation, die heute häufig schon mit Smartphone-Apps machbar ist, die vergisst man. Darum konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass eine Dokumentarfilmerin, die die Webdoku als Fortentwicklung der Dokumentation im TV sieht, das Thema inhaltlich ganz durchdringen würde. Allerdings ist der Ansatz interessant, und darum habe ich das Buch Webdoku: Geschichte, Technik, Dramaturgie (Praxis Film, Bd. 90) (affiliate Link! Kaufst du darüber bei Amazon ein, bekomme ich einen Centbetrag gutgeschrieben, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen.) von Andrea Figl gelesen:

Ich stellte zunächst fest, dass mir das Layout des Buches gefällt. Es wird mit Zitaten gearbeitet, die sich durch größere Schrift und farbigen Hintergrund vom Fließtext abheben. Videos, die im Buch angesprochen werden, sind via QR-Code eingebunden. Wer also keine ausreichende Datenflatrate hat, sollte das Buch am besten lesen, während ein W-LAN zu Verfügung steht.

Multimedia mit dem Handy

Was mir an dem Buch auch gefällt, ist die Grundeinstellung der Autorin zum Thema Handykamera: Sie nennt mehrere Beispiele, in denen wichtige Dokumentarfilme mit dem Handy gemacht wurden. Ihre Begründung dazu, warum das nicht nur möglich, sondern auch gut ist: Das Gerät und die damit gemachten Videos gehören längst zu unserem Alltag und haben somit auch die Sehweise der Zuschauer verändert. Mich erfreut eine solche Denkweise, denn speziell meine Studenten an in meinen Onlinejournalismus-Kursen, junge Menschen also Anfang, Mitte 20, denken diesbezüglich häufig deutlich konservativer und geistig verkrusteter. Mit dem Handy ein Video für ihr Blog zu machen, erscheint vielen leider merkwürdig und minderwertig.

Online ist nicht zwingend linear
Online ist nicht zwingend linear

Interessant finde ich auch die Sicht, nicht nur auf YouTube als Videoplattform zu begreifen, sondern auch WhatsApp, Facebook oder Twitter. Für mich sind dies keine klassischen Videoplattformen, obwohl ich die Kurzvideos durchaus ernst nehme. Allerdings werden auf Instagram oder Facebook meine Videos kaum geklickt oder geliked. Möglicherweise hängt das mit dem Alter der Zielgruppe zusammen: Meine Rezipienten stehen mitten im Leben und schauen sich entsprechende Medien vermutlich eher nicht bei der Arbeit an. Zuhause haben sie aber unter Umständen längst vergessen, was sie sich anschauen wollten. Natürlich kann es auch an der Qualität der Videos liegen, allerdings kennt man die in der Regel erst, nachdem man das Video gesehen hat. Wie dem auch sei: Die Schlussfolgerung der Autorin lautet, dass es den Nutzern egal ist, wo sie die Inhalte bekommen, wichtig ist nur, dass sie zeitlich und räumlich flexibel sind und dann Videos schauen können, wenn es ihnen passt.

Mehrere Module verbessern die Verweildauer

Allerdings ist gerade im Netz die Aufmerksamkeitsspanne sehr viel kürzer als beispielsweise beim Schauen eines Filmes im Fernsehen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum alle Leute Webdokus toll finden, aber kaum ein Rezipient sie in voller Länge konsumiert. Der Tipp der Autorin lautet darum: Viele kleine Einheiten schaffen. Trotzdem liegt die durchschnittliche Verweildauer auf einem Webspecial bei nur fünf Minuten. Zum Vergleich: auf einer gewöhnlichen Seite sind die Nutzer in der Regel maximal eine Minute.

Um den Leser zu halten, sollte man sich von der linearen Erzählweise verabschieden, sagt die Autorin. Und sie spricht mir damit aus dem Herzen. Der Rezipient sollte selbst entscheiden, welche Einheiten eines Specials er in welcher Reihenfolge lesen, sehen oder hören möchte. Zusätzlich gibt es auch Webgeschichten, die durch den Input von Nutzern bereichert werden. Allerdings macht die Autorin darauf aufmerksam, dass 90 Prozent der Rezipienten nur konsumieren, neun Prozent Inhalte modifizieren und lediglich ein Prozent als Produzent aktiv ist.

Abwarten und Tee trinken reicht nicht aus

Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit in einer Webdoku steckt, und wie wenig davon beim Konsumenten ankommt, wird klar, dass es nicht damit getan ist, eine Webdoku zu machen. Man muss auch für sie trommeln – auf Twitter, Instagram und Facebook, um die Nutzer dort abzuholen, wo sie sind. Im besten Fall bindet man die sozialen Netzwerke als zusätzliche Module ein. Für Journalisten bedeutet das außerdem, dass sie an ihrem Markenaufbau arbeiten müssen. Denn ein Journalist mit vielen Followern und Fans wird leichter für seine Webdoku trommeln können, als einer, der eher unbekannt ist. Das gilt übrigens speziell dann, wenn es Ziel des Journalisten ist, seine Webdoku über Crowdfunding zu finanzieren. Dann beginnt das Trommeln natürlich schon lange, bevor die erste Zeile geschrieben oder die erste Sequenz aufgenommen wurde.

Nach der Lektüre des Buches, in dem ich tatsächlich sehr viele gute Anregungen gefunden habe, stellt sich mir allerdings wieder einmal die Frage, ob das gedruckte Wort in Buchform wirklich der richtige Träger für einen solchen Inhalt ist: Natürlich hat man trotz QR-Code einen Medienbruch von analog zu digital. Allerdings zeigt sich auch gerade hier die Schnelllebigkeit unserer Zeit: Im Kapitel „Produktion einer Webdoku“ wird Software genannt, die es nicht mehr gibt. Oder die in der Zwischenzeit weiterentwickelt wurde und die es noch nicht wieder gibt. Vielleicht wäre es also sinnvoller, einen solchen Inhalt in Form eines multimedialen eBooks zu verkaufen, und nicht gedruckt. Denn das eBook lässt sich deutlich schneller aktualisieren.

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